Spannung und Entspannung – Eine Dialektik zwischen Körper, Geist und Seele

Spannung und Entspannung wirken systemisch zusammen, als Ganzes, als Einheit, universell. Im Verständnis von einer natürlichen Harmonie begreift man dieses Wirken in der TCM  über die fünf Elemente als Wandlungsphasen, die den Spann oder Bogen in ihrer Kontinuität aufrechterhalten. Diese jahrtausendealte Vorstellung kann uns heute sehr viel weiterhelfen in punkto Selbstheilung, Entspannung, im Erkennen von Zusammenhängen zwischen Beschwerden und Erkrankungen, sowie der Gesundheitsentwicklung. Im größeren Sinn hilft diese Vorstellung heute auch weitgehend, eine tiefere innere Harmonie zu verwirklichen.

Im Kreislauf der fünf Elemente ist jedes einzelne Element manifest oder nicht manifest, beides kommt vor. Das lässt sich auch auf die Konstitution des Menschen übertragen. Übermäßige Aktivität oder auch Hyperpassivität auszugleichen, wäre möglich, wenn jedes Element einzeln betrachtet wird. Oft wird unterschätzt, dass Ursache und Wirkung zeitlich weit auseinander liegen und daher der menschliche Verstand die Ereignisse, die ihm geschehen sind, nicht mehr zusammenhängend erkennen kann.

Ein natürlicher Prozess von Spannung und Entspannung lässt sich als pulsierend, ausgleichend, komplementär, kontinuierlich, beweglich und flexibel beschreiben. Im Zusammenhang von Körper-Geist-Seele gibt es Zustände von gespannt, angespannt, entspannt und tief entspannt sein. Und jeder hat seine eigene Welt, seine Befindlichkeit, seinen eigenen Horizont, seine eigene Belastungsgrenze. Nämlich dort, wo Sinn und Gefühl zusammentreffen und sich berühren. Es kommt darauf an, den eigenen Mittelweg zu verlassen, um diese Grenzen zu erfahren. Deshalb gelten Sinnlosigkeit, Ziellosigkeit, innere Leere – ebenso wie deren Gegenteil – als Stressoren für das Leben unserer heutigen Zeit. Sinn, Ziele, Pläne werden unter innerem und äußerem Druck  oft ausgereizt, so dass die „Reaktion der aktiven Anpassung“ verpasst wird.

In den Unterschieden und der Aufhebung von Spannungszuständen hat Spüren praktisch seinen unmittelbaren Sinn.

Was sich verändert, nehmen wir dadurch zwar körperlich genauer wahr, als auf der feinstofflichen und geistigen Ebene. Trotzdem können subtile Ebenen in ihren Dimensionen erfahrbar gemacht werden. Man muss unter anderem dieses Spüren als „Grenzerfahrung“ zulassen, damit sich naturgemäß eine harmonische Dialektik in dem Prinzip von Spannung und Entspannung auch auf einer seelisch-geistigen Ebene entwickelt. Seine Grenzen immer wieder neu zu reflektieren, zu ordnen und zu weiten, ist damit verbunden.

Wann wir unsere Grenzen spüren und welche Schlüsse wir daraus für unsere Gesundheit ziehen können, spielt dabei eine bedeutende Rolle. Bewältigen wir Probleme, Krisen, Widerstände (noch) einfach oder (schon) schwierig?  Wodurch erkenne ich, ob ich in meinem Element bin und wann nicht? Und was hat die Dialektik von Spannung und Entspannung damit zu tun?

Spannungs- und Entspannungszustände wirken auf unsere Befindlichkeit, entweder positiv oder negativ, oder entsprechend den dynamischen Zyklen der Elemente (Fünf-Elementen-Lehre) unterstützend, kontrollierend, schwächend oder zerstörend. In der Einheit der beiden Zustände und deren Trennung geschieht ein immer wiederkehrender systemischer Ablauf, ein Anziehen oder Entweichen von Energien zwischen Polen, Gegensätzen und Elementen der Natur, denen wir physisch, psychisch und seelisch immer mehr gewachsen sein müssen, die aber auch ihre eigene Dynamik entwickeln. Zum Beispiel wirken  immer mehr (un)natürliche äußere Reize ein, die sich sehr wohl auf unser emotionales Gleichgewicht ebenso negativ auswirken, auch wenn dies nicht sofort erkennbar ist. Es ist nicht immer so, dass Krankheit, Trauer, Tod, Unfall, Schmerz, Angst uns aus der Bahn werfen, sondern eher auch die in der Gesellschaft auftretenden unnatürlichen Verhältnisse.

Ein harmonisch-kraftvolles Energiefeld kann im Menschen erst durch den Ausgleich der Elemente untereinander entstehen. So wird einerseits deutlich, dass wir nicht abgegrenzt von ihnen existieren. Andererseits spüren wir sie oft nicht, weil wir zu sehr an unserer westlich-rational ausgerichteten Logik haften. Das ist der Grund, warum wir einerseits so wenig einfühlsam sind und es uns andererseits an Ausdruck mangelt.  Wenn wir wieder mehr Spüren lernen, können wir besser mit Werden, Wandel und Vergehen umgehen, die uns unsere Grenzen aufweisen.

Die Dialektik von Spannung und Entspannung verläuft eben auch in ihrer Dreiheit von Körper, Geist und Seele.

Ein Gesundheitsbewusstsein ist nur in dieser Einheit möglich und lässt erahnen, dass jeder auch erst über dieses Wissen hinaus seinen eigenen Konstitutionstyp (er)kennen muss.

In der lebensphilosophischen Gegensatzlehre spricht man von einer Spannungseinheit, in der Daoistischen Lehre von der Harmonie der fünf Elemente Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser. Im Buddhismus sind die fünf Elemente Erde, Wasser, Luft, Feuer und Leere ausschlaggebende Naturkräfte für diesen Kreislauf, dessen Spannungsverhältnis die Beziehung zum Menschen symbolisiert. In unserer Lebenspraxis ist Leere sogar ein Element, das kaum im westlichen Kontext verstanden, handhabbar oder genügend sensibilisiert wird. Die Natur setzt uns Grenzen, wenn der Mensch den Mittelweg nicht immer wieder neu auslotet und all jene Erscheinungen, Potenziale oder Inhärenzen im Kreislauf durch Extreme zu ersetzen versucht.

Drei wesentliche Prinzipien findet man in der östlichen Philosophie, die in der Anwendung zu einer harmonischen Spannung führen:

1. Den Lauf der Dinge (Dao) beobachten:

Die Gesetzmäßigkeiten und Erscheinungsformen kennenlernen

2. Nicht gegen die Natur handeln (Wu wei):

Erst eingreifen, wenn es nötig ist, intuitiv und der Situation angemessen  (kreative Passivität)

3. Wie es ist, so ist es (Ziran): bedeutet „So-seiend-heit“:

Alles bezieht sich auf Einfachheit, von einem unnatürlichen in einen natürlichen Zustand zurückkehrend

In einer nach wirtschaftlichem Wachstum und Profit ausgerichteten Gesellschaft kann ein Mensch sich nur bedingt von Druck, Zwängen, Konkurrenz und anderen unnnatürlichen Einflüssen separieren.

Handeln (Wu wei) und Sein (Ziran) sind eng miteinander verbunden, bedeuten insofern einmal das negative Dao und das positive Dao. Auf den einfachsten Punkt heruntergebracht, bedeutet das, Spannung und Entspannung bzw. Ladung und Entladung auszugleichen. Für unsere westliche Kultur hat Spannung stets mit Leistung zu tun, die wiederum durch Entspannung aufrechterhalten werden soll. Das ist ziemlich einseitig. Ein Abstrampeln auf beiden Seiten, ohne dass der Geist wirklich entspannt wird. Geist und Seele gehen mit dem Körper auseinander, obwohl sie auch als komplementäre Aspekte einer Ganzheit zu betrachten sind.

Das  Körper-Seele-Verhältnis ist ein Ineinanderfließen.

Krankheit gilt daher als Stockung des Energieflusses. Heute weiß man längst, dass nicht angemessen verarbeitete seelische Erlebnisse in Körpersymptome umgewandelt werden. Diese Umwandlung von festgehaltener Energie verläuft sich nach Freud entweder in das motorisch-sensible oder in das vegetative Nervensystem, was sich oft als Angst-Neurose zeigt. Heute sind wir sehr viel ängstlicher in vielerlei Hinsicht geworden, trauen uns selbst weniger zu, obwohl es dafür keine plausible Erklärung gibt. Dazu muss der gesamte Mensch betrachtet werden. In unserer Kultur wird er noch mehr entfremdet durch seine immer größer werdende Funktionalität. Der Mensch führt Tätigkeiten aus, ohne mit diesen wirklich verbunden zu sein. Das führt zur Entfremdung und Gespaltenheit.

In wieweit heute wesentliche östliche Prinzipien verinnerlicht werden können, hängt davon ab, wie weit man sich von seinen rationalen, rein intellektuellen Vorstellungen und Konzepten separieren kann, die in unserer Kultur und Gesellschaft oftmals den eigenen Erfahrungsweg blockieren. Durch eine möglichst bewusste, intuitive und weniger funktionale Lebensweise wäre es jedoch auch möglich, seine eigene Spannungseinheit wiederzufinden, sein ganzes Wesen. Sich seines Wesens bewusst zu sein, heißt, seine vielen Schatten-Elemente zu erfahren und tiefer gehend zu verstehen. Auch seine eigene Belastungsgrenze zu akzeptieren, heißt, dafür sein eigenes Spürbewusstsein zu entwickeln.

Die eigene Belastungsgrenze zeigt sich körperlich und geistig sehr unterschiedlich. Oft halten wir Situationen und Dinge viel zu lange aus, obwohl wir sie eigentlich nicht mehr wollen. Körperlich fühlen wir uns noch gut, obwohl wir ziemlich genervt sind. Wir halten dauerhaft Lärm aus, Hektik, schlechtes Essen, Umweltverschmutzung und andere Extreme. Dauernde zwischenmenschliche Spannungen und Arbeitsdruck nehmen uns Energie weg, was sich wiederum emotional und seelisch störend auswirkt und zur Daueranspannung des Einzelnen, aber auch zu einer neurotischen Gesellschaft insgesamt führt.

Man reagiert, funktioniert, ist unkontrolliert, unaufmerksam, ferngesteuert, zwanghaft bis frustriert. Immer mehr Erwachsene erkranken  jährlich psychisch, etwa 30 % (etwa jeder vierte) der Bevölkerung. Unter anderem liegt die Zahl der an Burnout Betroffenen weit höher, als man annimmt.

Eine lang anhaltende Entspannung oder lang anhaltende Spannung, die nicht mehr zur Grundspannung zurückgeht, führt zur Unerträglichkeit, Schlaffheit, Unzufriedenheit, innere Unruhe, Nervosität. Wo einem nichts mehr leicht fällt, alles beschwerlich oder unbeweglich wird, ist der Energiefluss zwischen Körper, Geist und Seele blockiert und ungleich verteilt.

Durch eine ausschließlich auf körperlicher Ebene erfolgende Entspannung lassen sich emotionale und mentale Verspannungen allerdings nicht auflösen.

In einem gesunden Spannungsverhältnis von männlich-weiblichen Aspekten kann man einerseits über die Kontemplation des Körpers die Signale einzelner persönlicher Elemente spüren, die blockiert sind. Auf dem Weg einer neuen Ausrichtung hilft es, ihre  Botschaften zu verstehen. Andererseits spürt man weder das eine noch das andere Element, wenn wir im Gleichgewicht oder im Fluss sind.

Was heißt gesundes Spannungsverhältnis?

Auf der Grundlage der östlichen Heilkunde oszilliert Energie zwischen den zwei Polen Yin und Yang entsprechend im menschlichen Körper und strömt durch Meridiane, die mit dem gesamten Nervengeflecht verbunden sind. In dieser Vorstellung sind wir Energiewesen, ein schwingendes Feld, das unterschiedlich schwingende Energie über alle Leitbahnen, Verbindungskanäle, Gefäße, Sehnen und Wasserbahnen hervorbringt. Der physische Körper ist dabei nur der unterste Bereich jenes Energiespektrums und schwingt sehr niedrig. Das, was wir also physisch sehen oder ertasten  können, ist nicht unbedingt ausschlaggebend für ein gesundes Spannungsverhältnis.

Das Gefühl des Vertrauens nimmt eine besondere Rolle für eine gesunde Spannung ein. Aarons Antonovskys Modell zur Gesundheitsentstehung und Entwicklung erinnert daran, dass der Kohärenzsinn ein zentraler Punkt für das Spannungsverhältnis zwischen Körper, Geist und Seele ist. Wenn weniger Sinnhaftigkeit erlebt wird, entsteht ein mangelndes Kohärenz-Gefühl.

In unserer westlichen Kultur liegt der gesellschaftliche Focus auf physischen Belangen:

„Der Körper muss ent-spannt werden, dann ent-spannt sich auch der Geist“, denkt man. Der Ansatz funktioniert leider bei vielen nicht. Die ergotropen Reaktionen, die der Leistungssteigerung dienen, überwiegen. Das Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems verschiebt sich in Richtung des Sympathikus. Die emotionalen Batterien werden aufgebraucht.

Sich mental neu auszurichten, ohne von seiner körperlichen Dimension auszugehen, heißt, ein neues Gefühl für sich und seine Spannung zu entwickeln. Ein Anfang wäre die Frage: Was hilft mir mental, damit sich der Geist entspannt. Es geht auch umgekehrt: Der Geist muss erst entspannt werden, damit sich auch der Körper entspannt. Einsichten in die eigene Psyche können tief liegende verdrängte Bedürfnisse zu erkennen geben. Im Sinne der Selbstbeobachtung kann dies auch weitgehend zu einer Ganzheit führen, in der alle persönlichen Anteile, bewusste und unbewusste Elemente in Verbindung treten.

Unsere Stressoren haben sich rasant vervielfacht und die Grundspannung ist eine den wirtschaftlichen und äußeren gesellschaftlichen Prozessen angepasste. Deshalb ist das Spannungsklima allgemein auf allen Ebenen an seiner Grenze. Überspannung zeigt sich auch emotional und mental. Entscheidend ist die Wechselwirkung zwischen Stressoren, also Belastungsfaktoren und Ressourcen. Im Sinne des Kontinuums ist ein Mensch nicht ausschließlich krank oder gesund, sondern befindet sich entsprechend in seinen Lebensumständen mal mehr dem einen oder anderem Pol näher.

Das Geist-Seele-Verhältnis ist laut TCM auch ein wichtiger Indikator für unser Gesundheits-Kontinuum.

Nach der TCM-Lehre entsprechen drei Elemente, nämlich Holz, Feuer und Metall, dem sogenannten Spann oder Bogen.  Das Element Feuer beherbergt das wichtigste Organ Herz mit seiner Seele Shen.  Shen, als Ober-Seele fungierend, steht hier für Bewusstsein. Die Lunge beherbergt die Körperseele Po und entspricht in ihrer Funktion dem vegetativen Nervensystem und ist empfindsam für alle automatischen Abläufe. Die Leber enthält die Geist-Seele Hun und steht für das Wachstumsverhalten, Instinkte, Aktion und Aggression.

Im Kreislauf der fünf Elemente bilden Hun, Shen und Po ein Kontinuum, in dem die Yin-Organe Leber, Herz und Lunge einen dreidimensionalen Energiespeicher bilden. Sind Leber, Herz und Lunge im Gleichgewicht, kann man davon ausgehen, dass sich das Geist-Seele-Körper-Verhältnis in der richtigen Spannung befindet.

Spannung und Entspannung sind im gewissen Maße ein Wirkprinzip, welches durch sinnliche Berührung eine sinnliche Wahrnehmung gegenüber den organischen Funktionen und ihrer Systeme verstärkt und dann eine sehr tiefe, ausgleichende und heilende Wirkung auf den gesamten Organismus und Energiekörper ausübt. Kleinste organische Funktionen bis in den Stoffwechsel hinein werden stimuliert oder sediert.

In der Praxis heißt das Ziel nicht nur, sich immer körperlich gut zu fühlen, sondern eine natürliche geistige Energie zu entwickeln, die bei Konflikten, Krisen und Widerständen transzendiert werden kann. Im weiteren Sinn heißt das, sich berühren zu lassen und berührt zu werden auf geistiger und seelischer Ebene. Dadurch kommt man in Kontakt mit seinen Schatten-Elementen. So wird unter anderem unser gesamtes Wesen in seinem ganzheitlichen Aspekt zusammenwachsen, weil aus der Gesamtheit der Persönlichkeitselemente Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und Liebe stärker hervorgehen und vollständig reifen. Sinnliche Berührung und Wahrnehmung tragen zur geistigen Entspannung bei, so dass man im Alltag angemessener, gefühlvoller, empfindsamer, eigenständiger und lösungsorientierter reagieren kann. Widerstände und Lebenskrisen können besser überwunden werden, auch wenn es schwierig wird.

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