Wert und Wertschätzung

Was wir lieben, schätzen wir. Normalerweise sollte es so sein. Aber ist es nicht manchmal doch anders? Können wir das immer und gut genug zeigen? Sind wir zufrieden mit dem, was wir sind oder mit dem, was wir haben?

Die mangelnde Wertschätzung der eigenen Person führt nicht nur zu einem Mangel an gesellschaftlicher Ästhetik, sondern kratzt auch an unserem Selbstwert. Werte und Wertschätzung bilden keine Einheit mehr. Wie kommt das und was sind die wesentlichen Ursachen dafür?

Mangelnde Ästhetik und Stillosigkeit treten dann auf,  wenn die Eigenwahrnehmung eingeschränkt wird oder sogar verloren geht. Sinnliche Wahrnehmung findet heute kaum mehr Wertschätzung. Wertschätzung kann es erst wieder geben, wenn eine Zuwendung über die Sinnlichkeit erfolgt. Auch fehlt die Kontemplation darüber, was und wie wir sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen. Der Fokus ist ja oft ein anderer. Da richten sich Denken und Handeln meist rational aus, anstatt sensualistisch. Wenn man aber in die Empfindsamkeit geht, also ausgehend von seinen eigenen Sinneseindrücken und Wahrnehmungen, würden doch eventuell viele Entscheidungen anders ausfallen. Vielleicht könnten wir uns über Erfahrungen besser austauschen.

Die Sensualisten erkannten, dass das sinnliche Empfinden mit Wahrnehmung und Beobachtung zu tun hat. Die These: „Sein ist wahrgenommen werden“ (Berkeley) kann für uns heute ebenso bedeuten, dass Einblicke nach Innen sowie zur Außenwelt harmonisiert werden müssen, damit wieder Wertschätzung entstehen kann.

Ein Blick in andere Gesichter verrät uns manchmal, was uns antreibt oder nicht. Sind es doch die kleinen unscheinbaren Dinge des Lebens, die wir wertschätzen. Wie wir jedoch über die Sinne wahrnehmen, kann sich auf den Selbstwert stärkend oder gar schwächend auswirken. Erinnern wir uns an die „Maslowsche Bedürfnishierarchie“. Kommt man nicht aus den dort genannten Defizitbedürfnissen heraus und werden individuelle Bedürfnisse den sozialen Bedürfnissen vorgezogen, entwickelt sich kein Selbstwert. Die Grundbedürfnisse, die körperlichen, seelischen sowie sozialen und individuellen Bedürfnisse scheinen nicht genügend befriedigt zu werden. Denn erst, wenn diese befriedigt sind, können wir Ästhetik, Selbstverwirklichung, Transzendenz entwickeln. Unser Wachstum bleibt in dieser Hinsicht zurück, weil wir Unterschiede nicht akzeptieren, die eigenen Bedürfnisse nicht aufschieben und das, was unser Selbstwert braucht, nicht schätzen: Zeit, Zuwendung, Berührung und Zärtlichkeit. Außerdem können wir auch nur das wertschätzen, was wir selbst erreicht haben, nicht das, was unbefriedigt bleibt. Wir können Menschen wertschätzen, wenn wir sie erreichen und umgekehrt.

Wenn wir dauerhaft in Konflikt mit unseren Werten leben, entwickelt das jedoch ein ungesundes Selbstwertgefühl. „Destruktivität ist eine wesentliche Reaktion auf Frustrationen unserer inhärenten Bedürfnisse“ erkannte Maslow deshalb ganz richtig. Oft glauben wir Wertschätzung und Dankbarkeit zu fühlen, verwechseln das aber häufig mit Stolz. Äußerlichkeiten bestimmen oft unsere Werte. Dabei können alle Extreme immens für eine Unsicherheit im Wertesystem beitragen und auch in uns selbst. Deshalb kann sich jeder fragen: Welche Werte schätze ich und welche nicht? Ist mein Selbstwert noch gesund?

Von Wert bis Wertlosigkeit ist in unseren vielen Strömungen alles vorhanden. Man kann aus einer riesigen Werteliste, aus der „Enzyklopädie der Wertvorstellungen“, seine eigene Wertepriorität herausziehen. Vielleicht ganz hilfreich, aber was nützt eine Priorität, wenn sie nicht gefühlt oder gelebt wird? Wer seinen Wert erkennen will, müsste wohl auch den Unwert erkennen. Oder sogar seinen Unsinn?

Unsere Selbsteinschätzung basiert allzu oft auf Meinungen, Urteilen und Bewertungen von anderen. Ist  dieser Focus nicht der Leid-faden für mehr empfangen, anstatt mehr geben zu wollen? Ist es für den Selbstwert aber nicht wichtig, unter dem Aspekt der sinnlichen Berührung und Wahrnehmung auch wieder Sinnlichkeit zu erleben? Er-leben wir mit geöffneten Sinnen nehmen wir nicht nur Reize oder Impulse auf, sondern gleichen auch zwischen Reagieren und Agieren, Geben und Empfangen Widerstände mit unserem Empfinden aus. Agierend in die Zuwendung und Achtsamkeit und andererseits reflektierend in die Beobachtung mit den Sinnen in Berührung zu sein, ist Wertschätzung des Seins. Es ist nicht einfach, den Ausgleich zwischen Eindruck und Ausdruck zu schaffen, da er doch von mir selbst ausgehen müsste.

Soziale Bedürfnisse oder zwischenmenschliche Beziehungen werden weiterhin Defizitbedürfnisse bleiben, wenn gleichzeitig gegenüber dem Selbstwert oder der Selbstliebe Individualbedürfnisse, wie mentale und körperliche Stärke, Erfolg im Beruf, Prestige und Bestätigung durch andere vorgezogen werden.

Zum Beispiel kommen Menschen sich näher, die unterschiedliche Sichtweisen ihrer Welten zulassen und nicht eine Vorherrschaft des einen oder anderen Prinzips begründen wollen. Es geht darum, das Wesen unterschiedlicher Prinzipien zu verstehen. Es geht darum, andere Prinzipien, Welten, andere Bedürfnisse zu respektieren und zu schätzen.

Wer sich seiner selbst bewusst ist, kann andere auch wertschätzen. Dann spürt man den positiven Faktor. Es vervielfacht sich um einiges: Energie fließt, man fühlt sich leicht, es gibt weniger Wünsche, Bedürfnisse und Ansprüche. Ein Lächeln, das man aussendet, scheint dann selbstverständlich. Ein Lächeln ist dann frei und nicht von Lob oder Leistung abhängig, sondern fliest einfach. Jeder kennt den Effekt: Wenn man aufblüht, wächst man auch über sich selbst hinaus.

Ein Mann mit diesem Anspruch nimmt Werte und Vorstellungen wie Wellen auf, um sie zu interpretieren. Sein Wissen ist rund anstatt eckig und kantig, wie es meistens im Arbeitsleben unter Männern so ist. Aber auch Gleichmacherfeminismus und Neokonservatismus, der auf Werte zurückgeht, die schon längst überwunden waren, führen zu keinen neuen Erkenntnissen und Werten. Auch weil in einem männlichen Wertesystem immer noch mehr Wachstumsstrategien entwickelt werden, kann von ihm keine demütige Haltung oder auch Seinshaltung ausgehen. Diese Haltung wäre trotzdem ein Wert, der unabdingbar ist.

Der Wunsch nach Ordnung und Kontrolle ist Teil unserer Weltanschauung. Aus einer Distanz der Sichtweise und genügend Raum für inneres Wachstum können somit zu einem Neustart für Werteschaffung und Wertschätzung führen, auch wenn es manchmal nicht für nötig gehalten wird. Ein Wertewandel erfolgt nicht unbedingt mit oder nach einer Krise, sondern immer aus der distanzierten Sicht zur Weltanschauung.

Welche Beeinflussung es auch immer im Einzelnen ist: Im Wechselspiel des Lebens gehen Werte im Wandel der Zeit schneller verloren, werden vernachlässigt und müssen wieder neu erdacht werden, damit sich Spannungen im makro- und mikrokosmischen Sinn auflockern und lösen lassen. Menschen können sich ändern. Menschen verändern. Männliche Werte und männliche Systeme ebenso.

Was machen die Werte eines bewussten Mannes aus? Was sind seine Ideen und Überzeugungen? Darüber denkt er immer hinaus und er sucht in der Auseinandersetzung den Dialog – Stichwort: Dialektik des Denkens. Ein empfindsames, gefühltes und beherztes Denken, welches nicht abgespalten ist von etwas. Er empfindet immer den  Aspekt der Wertschätzung.

Wodurch wir den klaren Blick, den Respekt voreinander und gemeinschaftliche Werte verlieren, die außerdem unsere persönlichen Werte beeinflussen, könnte durch den berührenden Dialog von „Mann zur Frau“ und von „Frau zum Mann“ neu aufgearbeitet und gegenseitig in ihren unterschiedlichen männlichen und weiblichen Kräften gegenübergestellt werden.

Unser System ist aus männlichen Prinzipien und durch den Mann hervorgegangen und erweist sich jetzt als instabil. Diese Instabilität, die mit Unsicherheit einhergeht, wird wiederum auf den Mann zurückgeworfen. Obwohl männliche Werte auch von vielen Frauen weiter optimistisch aufgenommen und übernommen werden, steckt das männliche Wertesystem trotzdem weiterhin in einer Sackgasse.

Männliche und weibliche Werte müssen überhaupt nicht im Widerspruch zum männlichen und weiblichen Geschlecht stehen. Wenn aber gesellschaftliche und private Zwänge zu groß werden, die Prämissen sich geändert haben, Menschen sich aber von etwas und durch etwas beeinflussen lassen, erst dann findet ein Umdenken statt. Bedürfnisse des Einzelnen mit all seinen Individualitätsansprüchen sind sehr unterschiedlich, und trotzdem muss Wertschätzung und Erstrebenswertes im Konsens der Gesellschaft erfolgen. Ambivalenz, also der innere psychische Zustand der Zerrissenheit und dessen Fähigkeit, widersprüchliche und gleichzeitig nebeneinander existierende Wünsche, Gefühle, Gedanken zu ertragen, führt in jedem Fall zu unerträglichen inneren Spannungen. Im schlimmsten Fall führt dies zu einer schizoiden Form: das Gegenteil von einem gesunden Selbstwert.

Intoleranz und das Bedürfnis nach Selbstschutz führen bei der geringsten Kritik oft dazu, dass die Betroffenen mit den drei fundamentalen Angstreaktionen reagieren, nämlich mit Flucht, Kampf und Erstarren, anstatt sich mit der Kritik zu befassen und zu analysieren. Bewusste Auseinandersetzung im Dialog wäre besser. Das Nichtaushalten-Können einer anderen Meinung ist nicht gerade ein Zeichen eines gesunden Selbstbewusstseins. So gehen Verständnis, Empathie und Wertschätzung verloren. Im Besitz der Wahrheit zu sein, ist zugleich Anspruch und Einbildung des unbewussten Mannes.

Wie sich aus historischen, kulturellen und sozialen Zusammenhängen feststellen lässt, wurde noch nie eine gemeinsame weibliche und männliche „Heilsame Wertschätzung“ praktisch gelebt, weshalb Werte solange im Sinne von zukünftigen Wertvorstellungen neu herangezogen werden müssen.

Mit dem Wissen, dass weibliche und männliche Energieanteile in jedem Menschen gleichwertig aufeinander bezogen existieren, brauchen wir eine gleichwertig wertschätzende Akzeptanz der beiden Anteile in uns aber auch im Wertesystem selbst. Aber gilt das prinzipiell für alle Werte? Welche Prinzipien können von beiden Geschlechtern (wieder) Wertschätzung erlangen? Und wie definieren sich die Werte eines bewussten Mannes heute? Gleichstellung schafft nicht automatisch gegenseitige Wertschätzung. Ein ausschließlich  männliches System schafft das aber nicht.

In der Wirtschaftswelt ist es jedenfalls nicht mit einer Gleichmachung von Geschlechtern in Führungsebenen getan, sondern setzt grundlegend Berührung mit sich selbst voraus, damit Gleichwertigkeit von unten nach oben bzw. von innen nach außen entstehen kann. Dabei sind Energieformen, die in uns selbst sind, die gleichen, die in der jetzigen Gesellschaft nicht in einem geschätzten Verhältnis zueinander fließen, wieder einzubeziehen. Das könnte der Motor sein, damit Wertschätzung fließen kann. Gegenseitiger Druck  führt eher zu Diskrepanzen und Verleugnen von maskulinen und femininen Qualitäten. Da wäre noch der Mittelweg als Wert, der unter anderem den Selbstwert stärkt, im Gegensatz zur euphorischen Hysterie, zur stoischen Gelassenheit und zum passiven Phlegma. Dies führt unter anderem zur Wertschätzung in alle Richtungen. Dann können auch echte wertschätzende Beziehungen auf allen Ebenen entstehen.

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