Berührung als Wert

In östlichen philosophischen Systemen, wie der Lehre von Yin und Yang und der TCM, findet man unter anderem konzeptionelle Erkenntnisse über das natürliche Werden und Sein. „Wie können wir Vielfalt mit Einfachheit in Einklang bringen? Oder „Wie können wir Werden mit Sein in Balance bringen?“ sind Fragen, welche von intelligenten bewussten Männern damals wie heute gestellt werden, die innerhalb unseres männlichen Wertesystems denken und handeln. Zurückverbinden mit der Erde, mit dem Planeten im Sinne von Erdverbundenheit im System bedeutet, zugunsten der Erde tätig zu werden. Der Mann muss seine weiblichen Anteile erkennen und empfinden. Das muss jetzt geschehen, auch innerhalb des kapitalistischen Systems. Der Schwachpunkt ist nur, dass dieses System bisher keine sinnstiftende Einrichtung ist. Sinn hat auch etwas Transzendentales. Sinn braucht der Mensch und woher kommt er? In der Antike war es Religion und Philosophie, im Mittelalter nur Religion und heute? Die Wissenschaft ist wertfrei. Der Kapitalismus besitzt kaum oder wenig Werte, außer Produzieren und Konsumieren, um die materiellen Bedürfnisse sicherzustellen. Deshalb steht der Wert der Berührung heute immer mehr im Focus von existenziellen Fragen.

Auch berührende Sprache, die der zwischenmenschlichen Kommunikation dient, würde heute wieder einen ethischen Wert bekommen, wenn mehr Gefühle zugelassen würden. Der bewusste Mann hat Zugang zu großen weltlichen philosophischen Fragen.  Zum Beispiel sind die weisen Schriften von Dschuang Dsi , „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“ (1912 übersetzt von Richard Wilhelm), heute wieder sehr inspirierend. Ein zeitgenössischer Unternehmer, ein Manager, ein Politiker, ein Arzt und jeder andere sollte immer zweifeln wie ein Philosoph: “ Sind meine Werte noch sinnvoll und richtig?“ „Muss ich meine Werte überdenken?“ Die Unsicherheit hängt vom Denken an sich ab. Und vom Bewusstsein des Mannes. Unsicherheit und das naive Selbstbewusstsein fallen erst dann weg, wenn er begreift, dass sich seine Werte ändern müssen. Es reicht nicht, wenn jetzt junge Männer den Kinderwagen schieben und mehr Hausarbeit verrichten.

Der japanische Universalgelehrte und Neokonfuzianer Kaibara Ekiken stellte im Jahr 1713 das Yōjōkun „Regeln zur Lebenspflege“ auf.

In einer Lehrschrift heißt es:

„Lerne und es werden dir Zweifel kommen“

„Zweifel und es werden dir Probleme kommen“

„Stell dich den Problemen und es werden dir darüber Gedanken kommen“

“Mach dir Gedanken und du wirst in den Besitz der reichen Erkenntnis kommen“.

Die taoistische und konfuzianische Tradition bleiben bis heute eine der grundlegendsten menschlichsten Werteschaffung des Menschen. Ohne Männer wie Ekiken, Buddha, Lao Tse und andere wie der Dalai Lama gäbe es sonst keine neuen geistigen und spirituellen Männer unter uns. Es gäbe keine bewussten Männer im Westen, die in den Besitz der „reichen Erkenntnis“ kommen würden. Es gäbe keine neuen Ideen.

Obwohl es im Buddhismus und im Tibetischen keine genaue Bezeichnung für Gefühle gibt, bleibt im Westen eine grundlegende Harmonisierung der Gefühle und Gefühlswelt übrig. Durch Berührung.

Wir berühren oft, indem etwas ergründet werden will; dabei will eigentlich das Unergründbare berührt werden. So könnte man eine Berührungsebene beschreiben, die die absichtslose und gleichzeitig tiefe Berührung meint. Auf dieser Berührungsebene geschieht etwas ganz Eigenes. Etwas, dass nicht mehr dem Egozentrismus untergeordnet ist oder in irgendeiner Absicht verfolgt wird. Das reine Berühren entzieht sich dem Ego und der Absicht, etwas zu wollen. Das reine Berühren ermöglicht, über die sinnliche Komponente hinaus zu experimentieren, wobei immer wieder andere Erfahrungen gemacht werden, da dieser Verlauf nicht an irgendwelche Zielvorgaben und Wiederholungen gekoppelt ist. Trotzdem geschieht Kreativität, und ebenso Entwicklung, in der Tiefe des Menschen. Persönliche Entwicklung ist nicht nur ein Resultat, das einem bewussteren Leben dient. Auch Vollständigkeit, Heilung, Erfüllung, Intuition, Wahrnehmung und Selbstbewusstsein werden erst durch Berührung und dem dazu gehörenden Prozess selbst erzeugt. So ist Berührung auch eine Kunstform, die nicht nur abbildet, was schon da ist, sondern auch ein Dialog zwischen Sender und Empfänger, zwischen Mensch und Kultur, der Werte schafft.

Beim Berühren sind wir empfänglich, werden empfindsamer, menschlicher und üben uns außerdem in Demut. Etwas Unergründbares zu erkennen und zu akzeptieren, ist demütig genug, um sich der Hingabe zu etwas Höherem zu widmen. Natürliche Prinzipien wie das Geben und Nehmen treten in Erscheinung und werden für den Menschen verständlicher. Vielleicht ist Berühren auch deshalb eine Kunst des bewussten Mannes. Denn je tiefer und absichtsloser seine Berührung ist, umso mehr Raum und Zeit widmet er seiner Kreativität. Einer Kreativität, die tiefe Einblicke und Spuren hinterlässt, die man erst später wahrnimmt, dafür aber nachhaltig für unsere Erdenergie ist.

In jeder bewussten Kommunikationsform, ob verbal, mental oder körperlich, wird Berührung als Wert eingeschlossen. Selbstbezogenheit, Infantilität, Überbeschütztheit, nur noch beschützen wollen, Über- oder Außerkontrolle sind Erscheinungsformen unserer Gesellschaft, die der heutigen Männlichkeit entgegenwirken.

Ausdehnend oder expansiv, steigend oder vorwärts, explosiv oder aktiv, hart oder gewaltig, laut oder massiv, flutartig oder plötzlich sind einige der männlichen Merkmale, die für unsere jetzige Unsicherheit im System beitragen, da innerhalb der letzten 20 Jahre die weiblichen Anteile des Mannes immer mehr abgespalten wurden. Der bewusste Mensch in seiner höchsten moralischen Entwicklung ist immer in Berührung mit männlicher und weiblicher Natur, mit anderen Menschen und seiner Umwelt. In dieser höchsten Stufe sind transpersonale Aspekte integriert und wirken in Einheit. Weil im männlichen Wertesystem  immer noch Wachstumsstrategien entwickelt werden, zu viel gemacht wird, ist eine demütige Haltung oder auch Seinshaltung angebracht und wertvoll, die zu einer sinnvollen Neugestaltung unserer Werte führen würde.

 

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