Berührung als Wert

Die taoistische und konfuzianische Tradition bleiben bis heute eine der grundlegenden menschlichsten Werteschaffung des Menschen. Ohne Menschen wie Ekiken, Buddha, Lao Tse und andere wie der Dalai Lama gäbe es keine neuen geistigen und spirituellen Menschen unter uns. Es gäbe auch keine bewussten und berührten Männer im Westen, die in den Besitz der „reichen Erkenntnis“ kommen würden. Es gäbe keine neuen Ideen.

In östlichen philosophischen Systemen, wie der Lehre von Yin und Yang und der TCM, findet man unter anderem konzeptionelle Erkenntnisse über das natürliche Werden und Sein. „Wie können wir Vielfalt mit Einfachheit in Einklang bringen?“ Oder „Wie können wir Werden mit Sein in Balance bringen?“ sind Fragen, die damals wie heute, gestellt werden. Innerhalb unseres Wertesystems im Einklang mit der Natur zu denken und zu handeln bedeutet heute, sich mit der Erde zu verbinden. Mit dem Planeten im Sinne von Erdverbundenheit und unseres Systems im Einklang zu sein, bedeutet zugunsten der Erde tätig zu werden. Was bedeutet das?

Der berührte Mann hat Zugang zu großen weltlichen philosophischen Fragen.  Zum Beispiel sind die weisen Schriften von Dschuang Dsi , „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“ (1912 übersetzt von Richard Wilhelm), heute wieder sehr inspirierend.

Der japanische Universalgelehrte und Neokonfuzianer Kaibara Ekiken stellte im Jahr 1713 das Yōjōkun „Regeln zur Lebenspflege“ auf.

In einer Lehrschrift heißt es:

„Lerne und es werden dir Zweifel kommen“

„Zweifel und es werden dir Probleme kommen“

„Stell dich den Problemen und es werden dir darüber Gedanken kommen“

“Mach dir Gedanken und du wirst in den Besitz der reichen Erkenntnis kommen“.

Der unberührte Mann muss seine bisherigen Werte überdenken, seine Prinzipien neu ausrichten und empfinden, auch innerhalb des kapitalistischen Systems. Um einen oder mehrere Schwachpunkte zu erkennen, ist Berührung ein Weg der möglichen Veränderung. Berührung hat auch etwas Transzendentales. Berührung braucht der Mensch, um zu wachsen. Auch hängen Berührung und Sinn eng mit unserem Wesenskern zusammen, der eine tiefere innere Wahrheit in uns birgt, die uns lenkt und leitet. Ohne Berührung finden wir weder Sinn noch den Wesenskern.

Aber woher kommt der Sinn nach Berührung? In der Antike war es die Ebene der Religion und Philosophie, im Mittelalter nur Religion und heute? Heute sind es viele Berührungsebenen, auf menschlicher, geistiger, mentaler, wissenschaftlicher und spiritueller Basis. Die Wissenschaft ist wertfrei. Der Kapitalismus besitzt kaum oder wenig Werte, außer Produzieren und Konsumieren, um die materiellen Bedürfnisse sicherzustellen. Steht nicht deshalb der Wert der Berührung heute immer mehr im Focus von existenziellen Fragen?

Berührende Sprache, die der zwischenmenschlichen Kommunikation dient, würde durchaus heute wieder einen ethischen Wert bekommen, wenn Gefühle zugelassen würden. Das digitale Zeitalter produziert aber eine Sprache, die nicht gerade der Tiefe entspricht, die heute mit einer berührenden Sprache gemeint ist. Heute werden Emotionen verkauft und dick aufgetragen, ohne jemals ein echtes Gefühl zuzulassen. Innere Verrohung, Vereinzelung und Wut sind nur wenige Beispiele für neue Phänomene unserer Zeit. Berührung folgt aber dem Prinzip der Selbst-Transzendenz. Es ist daher sehr wichtig, Berührung an sich für Empathie ein Leben lang zu üben.

Obwohl es im Buddhismus und im Tibetischen keine genaue Bezeichnung für Gefühle gibt, bleibt im Westen eine grundlegende Harmonisierung der Gefühle und Gefühlswelt übrig. Durch achtsame, tiefe und bewusste Berührung.

Wir berühren oft, indem etwas ergründet werden will; dabei will eigentlich das Unergründbare berührt werden. So könnte man eine Berührungsebene beschreiben, die die absichtslose und gleichzeitig tiefere Berührung meint. Auf dieser Berührungsebene geschieht etwas ganz Eigenes. Etwas, dass nicht mehr dem Egozentrismus untergeordnet ist, oder in irgendeiner Absicht verfolgt wird. Das reine Berühren entzieht sich dem Ego und der Absicht, etwas zu wollen. Das reine Berühren ermöglicht, über die sinnliche Komponente hinaus zu experimentieren, wobei immer wieder andere Erfahrungen gemacht werden, da dieser Verlauf nicht an irgendwelche Zielvorgaben und Wiederholungen gekoppelt ist. Trotzdem geschieht Kreativität und ebenso Entwicklung in der Tiefe des Menschen. Persönliche Entwicklung ist nicht nur ein Resultat von tiefer Berührung, das einem bewussteren Leben dient. Auch Vollständigkeit, Heilung, Erfüllung, Intuition, Wahrnehmung und Selbstbewusstsein werden erst durch Berührung und dem dazu gehörenden Prozess selbst erzeugt. So ist Berührung auch eine Kunstform, die nicht nur abbildet, was schon da ist. Sie ist auch ein Dialog zwischen Sender und Empfänger, zwischen Mensch und Kultur, der Werte schafft.

Beim Berühren sind wir empfänglich, werden empfindsamer, menschlicher und üben uns außerdem in Demut. Etwas Unergründbares zu erkennen und zu akzeptieren, ist demütig genug, um sich der Hingabe zu etwas Höherem zu widmen. Natürliche Prinzipien wie das Geben und Nehmen treten in Erscheinung und werden für den Menschen verständlicher. Durch dieses Berühren entsteht auf der Körper-Sein Ebene eine im Körper erlebte Freiheit, die den inneren Raum für sich und für andere öffnet. Außerdem kann der freudvolle Kontakt mit sich und anderen, sowie die Möglichkeit für Spiritualitäts- und Persönlichkeitsentfaltung entwickelt werden.

Vielleicht ist Berühren auch deshalb eine Kunst des bewussten Menschen, aber auch insbesondere des bewussten Mannes. Denn je tiefer und absichtsloser seine Berührung ist, umso mehr Raum und Zeit widmet er seiner Kreativität und seinem Kreativitätsfeld. Diese Kreativität, die tiefe Einblicke und Spuren hinterlässt, nimmt man vielleicht erst später wahr. Dafür ist sie aber nachhaltig für unsere Erdenergie.

In jeder bewussten Kommunikationsform, die verbal, mental oder körperlich sein kann, wird Berührung als Wert eingeschlossen. Selbstbezogenheit, Infantilität, Überbeschütztheit, nur noch beschützen wollen, Über- oder Außerkontrolle sind Erscheinungsformen unserer Gesellschaft, die der heutigen bewussten Männlichkeit und Weiblichkeit entgegenwirken.

Ein bewusster Mensch in seiner höchsten moralischen Entwicklung ist immer in Berührung mit männlicher und weiblicher Natur, mit anderen Menschen und seiner Umwelt. In dieser höchsten Stufe sind transpersonale Aspekte integriert und wirken in Einheit. In unserem westlichen Wertesystem fehlt dieser Aspekt noch weitgehend. Es werden immer noch Wachstumsstrategien gegen Einhaltung natürlicher Prinzipien entwickelt, die das Gleichgewicht von Mensch und Natur zerstören. Darum ist eine demütige Haltung oder auch Seinshaltung angebracht und wertvoll, die durch tieferes Berühren und Berührtsein zu sich selbst und zu anderen zu einer sinnvollen Neugestaltung unserer Werte führen würde. Vom Ich zum Du. Die Unsicherheit hängt vom Denken an sich ab. Und vom Bewusstsein. Unsicherheit und ein naives Selbstbewusstsein fallen erst dann weg, wenn der Mensch begreift, dass er seine Werte ändern kann. Demnach kann jeder erwachsene Mensch seine eigene „Berührungsgeschichte“ beeinflussen. Auf solche Weise trifft der Mensch in gewissem Maße die Entscheidung, sich gegenüber sich selbst zu distanzieren und vermag so in einen berührenden und gleichzeitig fühlenden Dialog zu treten.

 

 

 

 

 

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