Vom Umgang des Mannes mit dem kreativen Feld

Das „Große Defizit unserer Zeit“ ist fehlende Berührung. Fehlende Berührung in der westlichen Kultur ist aber nicht Ursache, sondern ein Phänomen der  Vereinzelung  und Vereinsamung durch die fortschreitende High-Tech- und Produktionsdruck-Gesellschaft. Verursacht durch persönliche Einschränkungen, wie zu hohe Zielsetzungen, Interpretationszwänge, Meinungen, Bewertungen, Verunsicherungen, Sorgen, Zukunftsängste und Verhinderung von neuen Sichtweisen und Erfahrungen. Der  Umgang  mit nichtpersönlicher Berührung wird  fast ausgebremst. Wenn der Alltag nur noch aus Aufgaben, Zielen, Funktionen, Strategien, Plänen und Wünschen besteht, die vor allem vom Kopf her entweder von anderen Köpfen vorgegeben werden oder im eigenen Kopf, wird mit Sicherheit  eines gebremst:  die eigene Möglichkeit seines kreativen Feldes zu berühren. Übrigens ist das kreative Feld nicht ein persönliches Feld. Es ist aber das wichtigste Feld überhaupt, dessen übersinnlicher, überpersönlicher und zeitlos-bewusster Raum Visionen entstehen lassen können, die zur Sinnerfüllung  in unserer Zeit beitragen.

Bereits alte ethnische Kulturen wie die Schamanen wussten um diesen feinstofflichen oder immateriellen Raum, da sie den Zugang mit ihrem intuitiven Selbstverständnis und ihrer Identität gemeinschaftlich im Sinne von Lebenserfahrung und der transzendenten Erfahrung teilten und miteinbezogen. Sie verbinden noch heute in rhythmisch-ritualisierten Körperhaltungen ihr geistig-körperliches und seelisches Wesen, ohne nachzufragen, warum. Sie haben somit unvoreingenommen den Zugang zu höheren Sinneswahrnehmungen, die sie mit sich und der Natur verbinden. Die geistige und sinnliche Welt ist ihre reale Wirklichkeit.

In unserer westlichen Kultur ermöglicht uns diese Weisheit tiefe Einsichten über Leben und Sterblichkeit, aber auch allgemein über Natur und Gesellschaft, deren menschlichen Herausforderungen wir immer weniger gewachsen sind. Ob Politiker, Unternehmer, Manager, Investoren oder jeder andere Mann, der Einfluss auf große Probleme, Aufgaben und Funktionen übernimmt: Jeder Mann ist heute mehr gefragt, sich im Umgang mit diesem Feld zu üben. Könnten nicht so auch die sinnvollsten und schlüssigsten Ideen umgesetzt werden? Oder haben wir uns im Westen für die Philosophie des ungebremsten Werdens entschieden?

Denn andauernde stetige Veränderung ist bei uns positiv als Obsession besetzt. Die andauernde Überforderung, die Grundlage für zu wenig  Berührung und Verbindung ist, verursacht diesen Stress. Denn diese Grundlage bildet auch die Konsequenz des andauernden „Werdens“, die unseren Motor oder Antrieb kaputt laufen lässt. Ein neuer Maßstab ist, die Funktion von wirtschaftlich bedingten Aufgaben, wie materielle Bedürfnisse zu befriedigen, umzukehren. Eine Philosophie des Seins oder ein weises Verhalten wäre eine neue konsequente Lösung. Einige Konzerne, Unternehmen fangen gerade erst damit an. Der Mann kann dies jedoch auch für sich jetzt tun. Raus aus der Routine!

In unseren vielen Spannungsfeldern, in denen wir uns befinden,  ist ein besonderes Feld ausschlaggebend für den Mann. Im Spannungsfeld zwischen Rationalität und Intuition, einen weisen Entschluss zu fassen, einen weisen Rat zu geben und sich auch noch weise zu verhalten, liegt seine momentane größte Herausforderung. Dazu muss er geistig beweglich und unabhängig sein. Zwischen Wissen, Glauben, Erfahrung und Instinkt gibt es diese Herausforderung ebenfalls.

„Der dressierte Mann“ von Esther Vilar ist ein Zeugnis davon und zeigt auch bis heute, dass die Diskussion  um den neuen bewussten Mann gerade erst wieder Wind bekommt. „Das polygame Geschlecht“ und „Das Ende der Dressur“ sind weiterentwickelte Bücher, die sogar Vorschläge für eine neue „Reform unserer Arbeitswelt durch Einführung des Fünf-Stunden-Arbeitstags“ bieten und wodurch der Mann sogar seine Emanzipationsrolle selbst in die Hand nehmen könnte. Aber dafür muss er aufwachen.

Die Wiederanknüpfung und das Herantasten an dieses Thema durch den Mann postuliert geradezu, dass der Mann seinen Umgang mit Berührung durchaus verändern muss, damit  Verbindung  innerhalb der Gesellschaft und zwischen Mann und Frau, aber auch auf der Ebene von Körper, Geist und Seele wieder spürbar wird. Ohne Berührung gibt es keine Kreativität. Der Umgang mit dem kreativen Feld bezieht die Berührung grundlegend mit ein.

Dazu gibt es drei Grundberührungsebenen:

Körperlich durch Aktivität, geistig durch Passivität/Ruhe und Reflexion und seelisch durch Verbindung. Aber was bedeutet Verbindung? Die Verbindung ist die wichtigste Antwort überhaupt, aus dem unpersönlichen Feld der Kreativität zu schöpfen. Aus dem unpersönlichen Feld lässt sich das gesamte Potenzial aller Möglichkeiten immer wieder neu schöpfen, auch unsere Lebensenergie. Mitunter ist aber gerade die Verbindung leider für viele eine Schattenseite geworden, die nicht mehr lebendig ist, die sich nach der Kindheit langsam aber stetig zurückgebildet hat. In Mann-Frau-Beziehungen spüren wir das „Große Defizit unserer Zeit“. Das Fehlen von Zeit, Raum, Berührung.

Das heißt, dass durch Berührung, egal ob sie auf körperlicher, geistiger oder seelischer Ebene geschieht, das Feld oder die Energie eine neue Dimension eröffnet. Das kreative Feld ist nichts anderes, als der universelle Bewusstseinsraum, in dem man Informationen und Möglichkeiten lädt. Kreativität geht nicht von unten nach oben, sondern von oben nach unten. Das erklärt auch, warum viele von sich berichten, sie werden in ihren kreativen Momenten wie von selbst geführt.

Ein Mann, der jahrelang routiniert seiner Arbeit nachgeht, ist genauso getriggert wie ein Mann, der jeden Tag strategisch, clever, taktisch oder berechnend vorgehen muss. Trotzdem, Frauen und Männer in ihrer beruflichen und familiären Rolle in der heutigen westlichen Gesellschaft kompensieren den Druck oder Trigger unterschiedlich. Die Frau kann immer noch spontaner und gefühlvoller sein und ist noch auf das gesamte Wohl, also die Verbindung bezogen oder bedacht. Der Mann kompensiert, indem er noch aktiver und funktionaler wird. Doch das hat langwierige Auswirkungen auf seinen seelischen Zustand, wenn er sich nicht rückverbindet.

Wie wir die unmittelbare körperliche und sinnliche Erfahrung wiedergewinnen wollen, hängt  ganz stark davon ab, ob wir überhaupt mit dem unpersönlichen kreativen Feld berührt werden  möchten. Mit diesem unpersönlichen kreativen Feld Kontakt aufzunehmen, kann für jeden Mann nützlich sein, insbesondere dann, wenn sein Erfolg  ausbleibt, aber auch seine Erfolge nichts mehr Zufriedenstellendes oder Sinnerfülltes ergeben.  Aber was ist überhaupt das unpersönliche kreative Feld, wie bekomme ich Zugang zu ihm und was hat das mit Berührung zu tun?

Warum schaffen die einen diesen Sprung und andere nicht? Vorausetzung ist die Leere, für die man zum Empfang bereit sein muss, und auf der anderen Seite für Fragen oder Zweifel offen zu sein, zum Erkennen-Wollen.

In diesen beiden Voraussetzungen findet der bewusste Man den unmittelbaren und spontanen Zugang zur sinnlichen Wahrnehmung, wie durch Spüren, Fühlen, Sehen und andere Wahrnehmungen, die Visionen auslösen und erlebbar machen.

Man kann sie auch als Schmerzpunkte oder Triggerpunkte bezeichnen, die dafür zuständig sind, den einen wunden Punkt oder mehrere anzuerkennen. Schmerzpunkte sind sie erst dann, wenn sie berührt werden. Meistens aber werden sie genau in dieser Reihenfolge:

  1. verweigert
  2. vermieden
  3. verdrängt.

Männer sind nach wie vor auf diesem Gebiet Spitzenreiter. Triggerpunkte kann man nur in Verbindung mit Menschen auflösen. Das heißt durch Berührung mit einem Menschen. Die geistige, mentale, spirituelle Berührung steht der verbalen und körperlichen Berührung zweier Entitäten/ Körper gegenüber und zueinander. Durch das Dasein der lebenden Entitäten, die immer den Prozess der Berührung oder des Berührtwerdens beeinflussen, können Schmerzpunkte sichtbar werden. Der Mensch bleibt also immer lebendes Subjekt und bestimmt den Prozess. Wenn ich also selbst durch die Berührung meinen eigenen Schmerzpunkt wahrnehmen kann, besteht die Möglichkeit, diesen aufzulösen. Wenn ich berühre, kann ich gleichermaßen diese Möglichkeit von meiner Perspektive aus für mich in Betracht ziehen. Durch die Berührung zweier in Beziehung ausgerichteter Körper entsteht Resonanz, die jeweilig durch Reaktionen bei dem Berührten und dem Berührenden ausgelöst wird. Es gibt Momente, die einen nie mehr loslassen. Sie kann man auch nicht erklären. Aber man weiß, dass sie einen verändern, das Leben eine neue Richtung geben und einen immer berühren.

Forscher, Wissenschaftler, Unternehmer, Manager und andere einflussreiche Chefs kennen das. Ein sinnvoller spontaner Einfall kommt anscheinend wie aus dem Nichts und ist nur in dem Moment eines Prozesses nützlich, wo man rein gar nicht damit rechnet oder sich etwas erhofft. Bei ihnen entsteht die ungelenkte, unmittelbar empfundene Verbindung, während die meisten schon längst aufgegeben haben oder sich mit dem Ergebnis zufrieden geben.

Diese schaffen gesellschaftlich mehr Innovationen anstatt Visionen. Das ist der Grund dafür, warum sie auch hinterher weiterhin unzufrieden sind und sich deshalb allgemein nicht viel weiter entwickelt haben auf dem Gebiet der Berührung oder geistigen und seelischen Verbindung. Geplante und kontrollierte Veränderung haben nichts mit der geistigen und seelischen Verbindung insofern zu tun, da sie von sich aus wachsen und entwickelt werden wollen.

Der Wert einer Innovation wird von Männern anders aufgenommen als von Frauen. Trotzdem wird Ökonomie noch immer durch männliche Sturköpfe bestimmt, die sich an den marktorientierten gesellschaftlichen Gesetzen halten, die Preis, Nachfrage und Gewinn bestimmen, die weniger abwägen, ob es Sinn macht oder nicht. Auch auf diesem Gebiet sind die meisten Männer Spitzenreiter. Geistige Beweglichkeit würde aber Visionen hervorbringen.

Deshalb sind wir auch in einer erfahrungslosen, kopflastigen Gesellschaft angekommen, aus der man unterschwellig Unzufriedenheit bis Aggression bemerkt, da wo der Lebensraum sehr eng wird. Und auch das hat seinen Preis. Wir ernten, was wir säen. Respekt vor dem Alter geht langsam verloren. Dem  kulturellen Geschmack des Mainstreams ist Infantilität und mangelnde Authentizität lieber, als sich wirklich zu verbinden, nämlich mit dem kreativen Feld.

Verweigerung, Vermeidung, Verdrängung sind drei Nebenprodukte des gesellschaftlichen Nicht-Erfülltseins. Deshalb scheint es auch so, dass wir in unserer westlichen Kultur in einer erfahrungslosen Gesellschaft ankommen sind. Doch das bedeutet nicht, dass dies so bleiben muss.

Die drei Nebenprodukte des gesellschaftlichen Nicht-Erfülltsein heben sich auf durch:

Erstens:  Man macht Erfahrung;

Zweitens: Man reflektiert die Erfahrung;

Drittens:  Das Ergebnis der Reflexion ist Erkenntnis, die mitteilungswert ist.

So entsteht höherwertige Kommunikation, die zu höherwertigen Entscheidungen führen kann.

Aus der Überwindung der Problemfalle und Verhaftung  an alten Mustern können neue Werte entstehen, die im eigenen Alltag, im Arbeitsleben, in menschlichen Beziehungen, aber auch der Welt mehr Sinn geben. Ohne Berührung können wir uns aber nicht verbinden und auch nicht erfüllt sein. Ohne Berührung wächst das „Defizit unserer Zeit“ weiter an, wenn wir nicht an das geistige, unpersönliche Feld anknüpfen. Vor allem erfahren wir dann nicht das Heil-Sein,  das unsere Lebensenergie, Lebensfreude und Kreativität ungehemmt fließen lässt. Bewusste Beschäftigung mit dem Leben setzt aber den Wert der Berührung voraus.

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