Die Emanzipation des Mannes

Angekommen in der Mitte des Lebens blickt man auf seine Kindheit, auf seinen beruflichen Weg, und von dort aus, wo man innerhalb der Gesellschaft gerade steht. Eine emotionale Reife setzt dieser Blick schon voraus und sie beginnt bei jedem individuell, unabhängig vom Alter. Wer nicht stehen bleiben will, kommt nicht um den Einsatz seiner reflektorischen Fähigkeit herum. Um bewusst aus der Vergangenheit zu lernen, um noch einmal seinen gewählten Weg zu beleuchten, um etwas besser zu machen in seinem Leben und vielleicht sogar gesellschaftlich und spirituell zu wirken. Die Reflexion ist ein Teil der Emanzipation, und sie macht grundlegend darauf aufmerksam, was in uns selbst ist. Routine ist daher schädlich für jede Art von Emanzipation.

Der Mann befindet sich heute in einer noch größeren Abhängigkeit gegenüber seiner Arbeit als früher. Und was auch neu ist, gegenüber seiner Familie und seiner Frau. Der Mann ist in seiner derzeitigen Abhängigkeit vom Mainstream der Gesellschaft, durch sein Arbeitsverhältnis und in seiner Bindung zur Frau entweder überfordert, irritiert oder nicht emanzipiert. Wenn der Mann seine derzeitige Abhängigkeit als problematisch erkennen will, muss er aus seiner Routine aussteigen. Selbst wenn er seine derzeitige Situation nicht als problematisch erkennt, ist es der bessere Weg, sich seiner eigenen Emotionswelt zu stellen. Dafür braucht er Gefühle.

Ist das, was der Mann derzeit fühlt, das, was er von seinem zukünftigen Zustand erwartet? Und wenn nicht, welcher Handlung bedarf es, damit sein innerer Zustand wieder frei, beweglich und selbstbewusst ist? Um seine Werte und Zielvorstellungen zu reflektieren und sich dann zu emanzipieren, benötigt man nur vier Schritte:

Erstens: Ich muss erkennen, dass ich überhaupt abhängig bin.

Zweitens: Ich muss den Willen haben, mich aus dieser Abhängigkeit zu befreien.

Drittens: Ich muss also meinen Standpunkt wechseln, mich positionieren.

Viertens: Ich muss der Unabhängigkeit oder Freiheit, die ich erreicht habe, einen Sinn geben.

Meistens bewegt sich der „noch nicht“ emanzipierte Mann nur zwischen den ersten beiden Schritten. Die jetzige Position zu verlassen, bedeutet ja, diese durch einen neuen Standpunkt oder etwas Unbekanntes einzutauschen. Für viele ist das dann doch abschreckend.

Die Umsetzung des dritten Schrittes ist zugleich der wichtigste und schwierigste Teil. Der gewonnenen Leere, Freiheit oder Unabhängigkeit einen neuen und sinnvollen Inhalt zu geben, fällt auch dem Mann schwer, der schon mitten im vierten Schritt angekommen ist. Womit fülle ich nun diesen Leerraum? Was gibt es noch außer Arbeit, Ausbildung, Karriere? Wie und womit nutze ich meine Zeit? Sind mein Ziel die Kindererziehung und das Familiendasein? Der Logik der vier Schritte vorausgesetzt, folgt im letzten Schritt auch kein „Muss“ mehr, aus dem ein eigener kreativer Antrieb entsteht. Im vierten Schritt gibt es nur noch ein bedingungsloses Geben.

Die existenzielle Leere der neu gewonnenen Freiheit ist ein Leerraum, der gefüllt werden will, und zwar mit eigenen Inhalten. Früher kamen die Inhalte aus der Abhängigkeit heraus. Im selbstgeschaffenem Leerraum muss der Mann sich die Inhalte selbst erfinden. Die Schwierigkeit besteht vor allem darin, sich von den eigenen Mustern zu emanzipieren. Ist das überhaupt möglich? Es ist möglich, aber nur, wenn vorher ein leerer Raum entstanden ist.

Wenn es um Emanzipation geht, werden meistens die Rechte der Frau, die Bedürfnisse der Frau in Bezug der Gleichstellung und Gleichberechtigung zum Mann formuliert, diskutiert und erhoben. Diese Gleichstellung von der Frau zum Mann hin ist aber nicht das alleinige Merkmal einer geglückten Emanzipation. Emanzipation ist ein Teil unserer geistigen und reflektorischen Fähigkeit, dessen sich auch der Mann selbst bewusst werden muss. Der Mann hat sich insofern nicht emanzipiert, sondern sich in eine neue Abhängigkeit begeben. Er ist weiterhin ein Macher und hat noch mehr Rollen übernommen, als je zuvor. Emanzipatorische Wellen sind bis heute im Westen drei geblieben. Vor allem sind es Frauenbewegungen, die letzten Endes immer nur die traditionelle Rollenverteilung von Mann und Frau, aber auch spezifisch das Patriarchat in Frage stellen. Der Mann hat zwar innerhalb seiner Beziehung zur Frau seine ehemalige Rolle aufgegeben, aber durch andere Rollen ersetzen lassen. Die Forderung nach Emanzipation des Mannes durch ihn selbst ist immer noch nicht erfolgt. Sie muss von ihm selbst ausgehen.

Wenn der Mann es schafft, seine eigenen individuellen Bedürfnisse neu zu formulieren, die nicht mit Arbeit und seiner neuen Aufgabe der Kindererziehung zu tun haben, kann er sich selbst von innen her wirklich befreien. Wenn er es schafft, Widerstand oder Mut aufzubringen gegenüber seinem Arbeitgeber, Chef oder auch sich selbst gegenüber, kann er eine wirkliche innere Unabhängigkeit erreichen. Ein Großteil der Männer ist vielleicht sogar schon so eingeschüchtert, dass sie meinen, es sei zwecklos, etwas ändern zu wollen, und schon gar nicht am System. Corinne Maiers Buch „Die Entdeckung der Faulheit“ ruft zum Befreiungsschlag auf. Oder zur „aktiven Distanzierung“ von der Arbeit, von der man sich doch noch Sicherheit bis zur Rente erhofft. Die Arbeitnehmer in Unternehmen haben demnach keine Wahl. „Sie werden an ihrer Anpassungsfähigkeit ans System gemessen.“ So lange der Mann funktioniert, scheint alles in Ordnung. Das Problem ist, es scheint nur so. Will der Mann das wirklich?

In der klassischen Emanzipation, aus der auch der lateinische Begriff „emancipatio“ stammt, wurde der Sklave vom Herrn befreit, oder der Herr hat ihn entlassen. Auch bei der „Patria Potestas“ (väterliche Gewalt) wurde – vom Vater ausgehend – der Sohn befreit. In der modernen Emanzipation muss diese auch vom Individuum ausgehen, da wir in der westlichen Gesellschaft in einer individualistischen Gesellschaftsform angekommen sind. Ist es nicht so, dass viele junge Männer heute wieder länger bei den Eltern bleiben, während junge Frauen immer früher das Elternhaus verlassen? Ist es nicht so, dass der gesamte Überfluss des Kapitalismus auch eine gewisse Unreife, Unbeweglichkeit und Bequemlichkeit hervorbringt, während man sich seinen Lebenslauf mit Diplomen, Titeln, Ausbildungen gerade in den Jahren, wo es vor allem um Emanzipation geht, so zurecht schönt, dass man seine individuelle Entwicklung gegen eine mögliche Karriere aufgibt? Für viele Stellen sind die meisten überqualifiziert. Dies ist der Beweis dafür, dass sich die Mehrheit immer noch für den Überfluss hergibt, und sei es nur für irgendeinen Posten in irgendeiner Firma.

Weniger ist mehr. Kann man davon nur träumen?

Sich von Informationen zu emanzipieren, von diesem und jenen Angebot und von dem damit einhergehenden Konsum, wäre schon ein tieferer Sinn der Emanzipation überhaupt geschaffen. Es würde für den Mann bedeuten, nicht mehr die neuste Technik und Spielzeuge zu benutzen, mit denen er weiterhin im System schwimmt. Was der Mann allein schon dadurch für einen Gewinn hätte! Der Mann, der seine Emanzipation erfolgreich und glücklich zum Ausdruck bringt, ist nicht mehr dem Überfluss und der Verschwendung verfallen. Er schwimmt nicht halb drin oder draußen mit. Der glücklich-emanzipierte Mann ist selbstbewusst und steht dem Angebot und Konsum innerlich frei gegenüber. Die „nicht emanzipierten Eigenschaften“ wie: Er „organisiert sich gut“, „ist fleißig“, „kompromissbereit“, „anpassungsfähig“, „hält aus“ und „hält durch“, werden von ihm selbst umgewertet. Emanzipierte Eigenschaften sind genau das Gegenteil. Faulheit wäre zum Beispiel emanzipiert. Aber darf der Mann faul sein? Sich mit sich selbst zu beschäftigen, auf Distanz zu gehen, Abstand von allem zu gewinnen, ist für diesen Mann keine leichte Aufgabe. Dadurch, dass die Frau immer mehr Forderungen stellt, muss der Mann immer mehr Forderungen erfüllen. Wenn er bewusst faul ist, führt dies zunächst zur gegenseitigen Fragwürdigkeit der Erwartungshaltung. Wenn die Frau weniger Forderungen stellt und dem Mann die Chance gibt, seine männlichen Werte selbst umzuwerten, wird es wieder eine kreative Spannung zwischen Mann und Frau geben, die aber diesmal zu einer entlastenden, subtilen und emotional-reifen Harmonie miteinander führt. Der Mann könnte sich endlich entspannen und die Frau ebenso. Wie sollte der Mann sonst seinen inneren selbstbestimmten Weg finden? Denn dazu ist Emanzipation ja da!

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