Geben und Nehmen

Geben und Nehmen ist keine Routine und auch kein Automatismus. Geben und Nehmen erfasst uns täglich scheinbar selbständig, während andauernd eine Verkettung von Kausalitäten auf unser Leben Einfluss nimmt und dies in der Übersetzung sowohl Überzeugung bei jeder Art von Sprache und Beziehung interpretiert, herausgefordert und korrigiert wird. Im Westen ist von Unsinn bis Ursinn die Rede, von Schere, Altersarmut, Fülle, Erfüllung. Alle diese kleinen Symbole dieser Zeit treffen auf Erwartung, Angst, Scheinheiligkeit, Verdrängung, Sicherheit und vor allem Druck.

In der Hermetik ist Druck ein Zeichen für Wandel. Wenn er aber von allen Richtungen kommt, erzeugt das Panik und Chaos. Druck und Kontrolle sind ja männliche Prinzipien, die gerade auf der ganzen Welt hochgehalten werden. So auch Spannung und Fülle unter diesem Aspekt. Dann entstehen Unordnung, aber auch Schmerz und Kontrollverlust. Kann der Mann so weitermachen, ohne Bedrohung oder Verlust an Lebensfreude? Welche Werte muss daher ein Mann finden, damit es nicht zum Kontrollverlust kommt? Wie kann er das Prinzip Geben und Nehmen für sich neu und bewusst anwenden, damit er zu seinem authentischen Selbst und zu seiner tiefen Seelenebene Zugang findet? Was kann er auf der Arbeits- und Beziehungsebene tun, um seinen verdrängten Schmerz zu überwinden und loszulassen? Und ist es nicht an der Zeit, daraus das Geben in eine emanzipatorische Richtung zu lenken, die aus einer wirtschaftlichen Hegemonie in eine auf Selbstbestimmung und Eigenverantwortung basierende Gemeinschaft gründet?

Zunächst wäre ein Ansatz, das Prinzip von Geben und Nehmen auf modularer und nicht materieller Ebene zu entdecken. Das Wesentliche dabei ist, dass der Mann sich selbst als Liebe erkennt und die Liebe so lebt, dass er sie dann verströmen kann. Klar, dass da zunächst der Gedanke aufkommt, wovon man denn leben soll. Die Überzeugung für die Notwendigkeit muss von innen heraus erfolgen. Manchmal genügt schon, sich einzugestehen, nicht mehr nur dem vorgegebenen Mustern zu folgen. Der erste Schritt für einen Richtungswechsel. Aber das reicht nicht. Die Richtung ist modular.

Nach Epikur mussten Furcht, Schmerz und Begierde überwunden werden, um zur Lebensfreude zu gelangen. Heute muss auch noch Arbeitsdruck, Zeitdruck, Konkurrenzdruck und Leistungsdruck überwunden werden. Hier kann sich der Mann fragen: Wovor fürchte ich mich? Was ist meine Schmerzgrenze? Und was begehre ich wirklich? Die Kunst ist, sich im richtigen Moment die richtige Frage zu stellen, aber wann weiß man, wann der richtige Zeitpunkt ist? Jetzt.

„Ich brauche meine Arbeit“, „Ich muss pünktlich sein“ oder „Ich darf nicht krank machen“ sind fremdbestimmte Antworten, die der Mann in selbstbestimmte Fragen umkehren kann. Ansonsten bleibt der „Sympatikotonus“ weiterhin erhöht und somit der Druck, der Ursache für Sauerstoffmangel im Gewebe und damit Folge von Herz-Kreislauferkrankungen ist. Treffe ich die Entscheidung? Zu welchem Gunsten? Und will ich überhaupt entscheiden?

Geben und Nehmen ist vielleicht die schwierigste Angelegenheit des Lebens und Überlebens geblieben. Ohne darüber zu reflektieren, sind wir sehr beschäftigt, immer mit irgendetwas. Es gibt viel zu tun und zu teilen, viel zu reden, viel zu sehen und zu hören, viel zu kaufen und zu verkaufen, und vor allem zu essen. Ist das alles bewusst? Bewusstes Geben und Bewusstes Nehmen steht fundamental an erster Stelle, das jeder ein Leben lang erlernen kann, oder sogar sollte. Im täglichen Dasein setzen wir dieses universelle Prinzip auf der Arbeitsebene und Beziehungsebene meistens unbewusst und disharmonisch ein. Geben und Nehmen dient nicht nur der Arbeitsteilung, der Rollenverteilung oder gar der Machtverteilung. Wir dürfen mehr arbeiten, kämpfen mehr, flüchten mehr, produzieren mehr, konsumieren mehr. Bei uns in das westliche Bewusstsein als ein materielles Gegenseitigkeitsprinzip eingedrungen, reicht Geben und Nehmen doch viel tiefer. Als geistige Grundlage und bis in feinstoffliche Zusammenhänge hinein ist dann erkennbar, das ein Zuviel eine Abhängigkeit bis Sucht erzeugt und ein Zuwenig einen Mangel und Unzufriedenheit. Den Fortschritt, den wir brauchen, ist eine Kreativität von Unternehmern und Managern, die das berücksichtigen.

Bewusstes Geben und Nehmen ist daher auch abhängig von der Menge an Herzenergie, die uns zur Verfügung steht. Deshalb sind für bewusstes Geben und bewusstes Nehmen die seelischen Anteile in uns sehr bedeutend. Diese verlorenen Anteile müssen wiedergefunden werden. Egal wie die Ausgangslage ist, besteht die Möglichkeit der unterschiedlichsten Anwendbarkeit des Prinzips, wobei das Verhältnis zwischen Geben und Nehmen zeitgemäß in der Verteilung reguliert und ausbalanciert werden muss. Jeder bestimmt selbst und nur bei jeder Entscheidung, wie viel er nimmt oder gibt. Ob der Mann mehr Geber oder Nehmer ist, oder sich beide Qualitäten in einem zueinander stimmigen Verhältnis befinden, kann er auch mit dem sogenannten Vierkantschlüssel (Urteilsvierkant, Sanskrit: catuskoti) des bedeutenden Philosophen Nagarjuna (ca. 2. Jahrhundert im Mahayana-Buddhismus) anwenden.

Geben und Nehmen nimmt ab, Geben und Nehmen nimmt zu, Geben nimmt zu und Nehmen ab, Geben nimmt ab und Nehmen zu. Nagarjuna legte den Grundstein für den „Mittleren Weg“. Drei wesentliche Punkte, um das Geben und Nehmen auf eine sinnvolle, gezielte und vor allem erfüllte Weise zu beeinflussen sind die drei universellen Gesetze in der praktischen Anwendbarkeit.

Polarität: Entscheide – Bin ich Geber oder Nehmer

Resonanz/Schwingung: Fühle – Der anderen Seite entgegenkommen und fühlen

Anfang: Beobachte – Den Anfang des Gebens oder Nehmens achtsam beobachten, um zu erkennen , was die Zukunft bringt

Wenn der Mann weiterhin nur in Sicherheiten denkt, wird es schwierig sein, seine Potenziale zu entfalten und seine Erfüllung zu finden. Die Frage nach Erfüllung ist implizit vorhanden, sei sie bestimmt durch sinnvolle Beschäftigung, durch sinnvolle Beziehung, durch sinnvolles Geben und Nehmen. Erfüllung kann nur durch Sinn entstehen. Bleibt für den Mann das Prinzip eine Art Tausch, Geschäft, Diel, Kosten-Leistungsrechnung, Handel? In wirtschaftlicher und unternehmerischer Hinsicht durch Wettbewerb, Konkurrenzdenken, Marktwirtschaft. Aber in der geistigen und bewussten Hinsicht nach Verwirklichung, wird das Prinzip durch Harmonie und Resonanz bestimmt.

Warum ist gerade der Mann aufgefordert auf der Arbeits – und Beziehungsebene das Prinzip besser zu nutzen? Es gibt nach wie vor traditionelle Rollenbilder bis in die Unternehmenskultur hinein. Es gibt mehr männliche Unternehmer, Führungskräfte, Manager, die überzeugt sind, auf der Geberseite das Richtige zu tun. Typisch für den Mann auf der Arbeitsebene ist: Er ist bereit, alles zu geben, sogar offen bereit seine Authentizität aufzugeben. Typisch für den Mann auf der Beziehungsebene: Er nimmt, er gibt nicht oder nur wenig. Geben und Nehmen stehen nicht in Harmonie zueinander. Die Verteilung ist ungleich, ungerecht, unverhältnismäßig, unsymmetrisch, unausgeglichen und vor allem unbewusst. Typisch ist auch die Neigung des Mannes, etwas durch Geben beweisen zu müssen. Und wenn er etwas nicht schafft oder haben kann, hat die Wut seine Magenenergie fest im Griff. Dieser Mann braucht Status, Titel oder ein hohes Einkommen als Bestätigung. Warum findet man sonst immer noch weniger Männer in sogenannten weniger bezahlten „Frauenberufen“? Könnte dieser Mann sich nicht viel mehr in uneigennützigen und mit gemeinsamen Zielen verbunden sein soziales Engagement praktisch einsetzen? Wie schafft der Mann bei allem Überfluss – und Unverhältnis ein bewusstes Geben und Nehmen? Es sind große Lücken zu schließen, die als geistige Natur zu kultivieren übrig bleibt. Westlicher Fortschritt und östliche Weisheit?

Das kann nur funktionieren, wenn der Mann seine männlichen und weiblichen Anteile bewusst in seiner Arbeitswelt und seinen Beziehungen einbindet. Es funktioniert, wenn er seine Sicherheiten, seine Kontrolle, seine Macht, seinen Kampf, seine Schnelligkeit, seine Spannung loslässt. Der bewusste Mann ist im gewissen Sinn sogar unberechenbar für den Mainstream oder gesellschaftliche Normen, da er sich so verhält, wie man es nicht von ihm erwartet. Der bewusste Mann geht in Kontemplation. Lücken und Leerstellen werden als Pausen akzeptiert und nicht ausgefüllt. Der bewusste Mann lebt auch in Bescheidenheit. Von jenen Männern, die den Anweisungen des Chefs folgen, ihrer Partnerin gehorchen, oder auch egoistisch, selbstsüchtig und kalkulierend nur auf den eigenen Vorteil bedacht sind, werden Sinnfragen nicht gestellt. Der eigentliche Schritt ist Mut zur Selbstkritik und die damit verbundene Reflexion auf seine spirituelle Entwicklung in der Geberrolle. Dieser Schritt setzt außerdem eine Emanzipation des Mannes voraus. Das würde sein Geben und Nehmen auf eine neue sinngebende und zwischenmenschliche Ebene heben.

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