Das Kind im Mann

Jeder Mensch verbindet mit Kindsein etwas ganz Eigenes, das, was er in seinem Leben bis zum Erwachsenwerden kennengelernt und ihn dadurch geprägt hat. Als Kind achtet man mehr darauf, was Erwachsene so tun, nicht, was sie sagen. Für einen Jungen bedeutet dies, wie sein Vater seine Mutter liebt. Und so kann das „Kind im Mann“ im späteren Leben sehr verschiedene Aspekte des Charakters hervorbringen. Allgemeine Klicheés über das Nicht-Erwachsen-Werden-Wollen haben nur dann etwas mit diesem Kind zu tun, wenn die weibliche Seite hinzukommt. Der Mann kann diese nicht abspalten. Nur, wenn er allein bleibt.

Beim Kennenlernen, in der ersten Phase des Verliebtseins, zählen besonders die Fähigkeiten, die uns als Kind praktisch in die Wiege gelegt werden. Dann, im Laufe des Erwachsenwerdens, im Alltag, gehen sie meistens verloren. Jeder Mensch trägt sie in sich und wenn sie nicht hin und wieder bewusst gemacht werden, können auch unsere Beziehungen und das Leben stumpf, trostlos, unbewegt und ohne Berührung sein. Alles, was heute als selbstverständlich gilt, ist mit den Augen eines Kindes anders. Ein Kind sieht mit Neugier, hört zu, begeistert sich, ist offen und unbeschwert. Es ist spontan, ehrlich. Diese Fähigkeiten tragen außerdem dazu bei, mit dem unkritischen, unverfälschten und sorgenlosen Blick eines Kindes das Leben wiederzuentdecken. Ein Mann tut sich oft damit schwer. Sein Potenzial verbindet er immer mit seiner Arbeit. Wenn er seine Kraft und sein Können weiterhin in der Orientierung der Leistung und in Konkurrenz zu anderen sieht, bleiben seine Hingabe, sein Humor und gleichfalls seine Beziehungen auf der Strecke. Dennoch weiß jeder Mann genau, wie er gegenüber einer Frau punktet. Wenn ein Mann etwas will, erreicht er es auch. Oder? Doch was genau steckt nun hinter dem Kind im Mann.

Ist es jemand, der die Modelleisenbahn nicht vergessen kann? Ist es jemand, der nicht aufhören kann, dem Fußball hinterher zu jagen, oder einer, der dauernd auf Bäume klettern muss? Sind es die leidenschaftlichen Bastler, die in ihrem Keller verschwinden? Heute prägt das Kind im Mann vor allem eines. Er konsumiert. Die Konsummentalität und der Mainstream innerhalb der Gesellschaft haben das Kind im Mann in dieser Hinsicht verändert. Sein Selbstbild und sein Ego sind aber weiterhin von Titel, Arbeit, Status, Erfolg, Geld und seinem Streben danach bestimmt. Das Kind im Mann kommt dabei nicht zum Vorschein. Es fehlt ihm ein Teil seiner wahren Natur. Der Mann kauft sich Beratung, anstatt selbst zu Lösungen zu kommen. Deshalb gibt es nur eine Lösung: selbst Herauszufinden, was seine eigentliche wahre Natur ist.

Das Kind im Mann ist genau das, was ihn nicht definiert, sondern herausfordert aus seiner Komfortzone. Das Kind im Mann ist nicht das Kind von früher, das er einmal war. Sondern er ist der Mann mit den Eigenschaften eines jenen Kindes, das bewusst lernt. Dieser Prozess ist lebenslang. Das Kind im Mann ist der Teil, der ihn fühlen lässt. Dieser Teil muss wiederentdeckt werden. Das Peter-Pan-Syndrom, das vom Familientherapeuten Dan Kiley in 6 Symptomen populärwissenschaftlich beschrieben wurde, ist längst nicht überholt. Doch zwischen Verantwortungslosigkeit und Chauvinismus gibt es heute mehr Männer, die sich doch ändern wollen. Eines seiner Bücher von 1989, „Wenn Männer sich nicht ändern wollen“, hatte bereits das Thema aufgeworfen. Auch von dem Berliner Psychiater Frank Zimmermann-Viehoff der Berliner Charité wurden bereits typische Krankheitszeichen und dieses Personenprofil als beziehungsunfähig oder beziehungsoberflächig beschrieben. Das ist hier aber nicht der Punkt. Der Blick ist heute ein anderer.

Das innere Kind wiederzufinden, wird heute gefordert, besonders beim Mann. Zu denken, man hat die Antwort in einer äußeren Form gefunden, ist das eigentliche Problem. Sein inneres Kind zu integrieren, ist bei einem Mann deshalb so schwierig, weil es heute um mehr Entscheidungen und Verantwortung geht, als je zuvor. Auf der einen Seite ist eine gelassene Haltung und eine stoische Sicht der Dinge maßgebend und auf der anderen Seite ein differenziertes Körperbewusstsein, welches in der Lage ist, seinen Körper, seine Gefühle und in Wechselwirkung zueinander stehende Gedanken zu beobachten. Dabei ist eine neutrale Beobachtung auf physischer, mentaler und emotionaler Ebene die Übung. Wird die Wahrnehmungsfähigkeit geschult, kann der Ist-Zustand detaillierter und in tieferen Schichten betrachtet werden. Das eigene Potenzial wird erkennbar. Das Kind im Mann meint also, dem tiefen, inneren Kern Raum zu geben, anzunehmen und wertzuschätzen. Es meint also auch seine verborgenen, verdrängten und nicht integrierten Gefühle und Emotionen nicht mehr zu fürchten. Aber wie genau sieht das aus? Wenn in Paarbeziehungen zum Beispiel nur noch wenig Zeit und Raum für einem selbst bleiben, weil sich alles um Erziehung, Karriere und Wohnung dreht, werden zwangsläufig in der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit keine weiteren Schritte gemacht. Doch Entwicklung ist uns naturgegeben. Auch die persönlichen Phasen des Lebens müssen gemeistert werden. Von der Komfortzone bis zum „Inneren Sessel“.

Wenn man sich diesen Inneren Sessel einmal vorgestellt und integriert hat, als eine Zone der Geborgenheit, Wärme, des Aufgehobenseins oder als Ruhepol, wird jede schwierige Situation auch leichter zu bewältigen sein. Das Kind im bewussten Mann wird sichtbar als ein reflektiertes Forschen, auf Personen, die Umwelt und auf sich selbst bezogen. Dieses Kind enthält einen Spieltrieb, der sich in Kreativität transformiert. Es besitzt Offenheit auf einer moralischen Ebene, die zu Großzügigkeit und Dankbarkeit gegenüber seinen Beziehungen und im Leben führt. Es ist nicht das Infantile des unbewussten, sondern das Kind im bewussten Mann mit einer reifen Lebenseinstellung.

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