Sexuelle Heilung zwischen Mann und Frau

Wenn von sexueller Heilung gesprochen wird, denkt man automatisch gleich an etwas, was krank ist, falsch oder sexuell nicht funktioniert. Oder man bezieht das Thema erst gar nicht auf sich selbst. Man nimmt an, dass wir alle an Heilung denken, wenn es um chronische oder akute Krankheitssymptome geht. Doch wenn wir keine solche Symptome spüren, bedeutet dies nicht automatisch, dass wir mit unserem Körper-Geist-Seele-Verhältnis eins sind. Und genau da liegt der Haken. Es liegt meistens an der Sicht darüber, wie man mit sich selbst und der Welt verbunden ist. Wie will man diese Verbindung haben und sie demnach verändern? Wie fühlt man sich mit seiner eigenen Sexualität? Kann ich mich voll und ganz in ihr spüren? Das setzt voraus, dass wir zunächst unseren eigenen physischen Körper und Energiekörper mit seinen natürlichen Bedürfnissen kennen und wahrnehmen. Doch beim Physischem hört es meist schon auf. Sexuelle Heilung ist also viel komplexer, als wir dauernd suggeriert bekommen. Sie kommt nicht von Außen. Es ist ein innerer Prozess, aber auch eine innere Haltung, die vom eigenen Kopf weg beginnen muss, über das Körperliche hinaus bis hin zu einer gesunden Geisteshaltung.

Der Wunsch nach Intimität, Nähe, Geborgenheit und nach einer sexuellen Beziehung ist bei jungen Männern und Frauen genauso präsent wie bei Männern und Frauen ab einem gewissen reifen Alter. Doch der Unterschied liegt in der gelebten sexuellen Qualität. Studien belegen, dass der Berührungsanspruch bei Männern im zunehmenden Alter bei etwa 70% und bei Frauen um 75% liegt. Das zeigt eine Bewegung beider Geschlechter auf, die sich harmonisieren. Der sexuelle Anteil passt sich bei Mann und Frau gleichermaßen an. Alles hat seine Zeit. Bei jüngeren Männern und Frauen eher nicht. Da ist es der Mangel an Zeit. Und Kopflastigkeit, Optimierungswahnsinn, zu viele Vorstellungen und Einflüsse von Außen, die von allen Seiten auf einen hereinbrechen, machen eine sexuelle Heilung zwischen Mann und Frau schwierig. Die Position der Frau und die des Mannes in einer sexuellen Beziehung sind oftmals nicht auf einer gemeinsamen harmonischen Ebene. Der allgemeine Trend aber, den man auch bei jungen Männern und Frauen beobachtet, ist die Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach reinem Sex und sexueller Bindung. Nicht wirklich entscheiden, alles mitnehmen, dann doch wieder sich zurückziehen, ist für viele ein Spiel des „No Risk“ geworden, indem sie weder verlieren noch gewinnen. Ein vermeintlicher Vorteil der Freiheit?

Der Nachteil dabei bleibt bestehen. Ungewissheit und ein unkontrollierbares Ergebnis führt nicht gerade zum Wachstum der eigenen Identität, sondern vermeidet, dass Erfahrungen gemacht werden, und darüber hinaus die Entfaltung des eigenen Potenzials. Die Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach Geschlechtsverkehr und dem einer sexuellen Beziehung ist genauso gravierend, wie der nach Freiheit und Sentimentalität. Eine sexuelle Beziehung ohne Bindung und eine Bindung ohne sexuelle Beziehung zu führen, ist deshalb genauso schwierig, wie eine Beziehung zu sich selbst. Und das betrifft nicht nur Jüngere. Warum ist es so schwierig?

In der sexuellen Heilung zwischen Mann und Frau kommt es vor allen Dingen auf eines an: das „Spielerische“. Dies spielt sich auf drei Ebenen ab: der verbalen, der Gefühlsebene und der körperlichen Ebene. Auf der verbalen Ebene sollten Paare in der Lage sein, Probleme zu benennen, und den Alltag draußen lassen. Hier läuft eher ein Spiel mit festgelegten Regeln. Die körperliche Ebene beginnt bei der allgemeinen Berührung, geht über die sinnliche Berührung bis zur direkten sexuellen Verbindung. Alle drei Ebenen müssen spielerisch und intuitiv betrachtet werden. Was in der Beziehung den meisten Paaren hindert, ist die „Verbissenheit“ . Im Gegensatz zu dieser Angestrengtheit zeugt das aus sich selbst heraus ergebende Spiel eine authentische und offene Tür, durch die Mann und Frau ihre verbale, gefühlte und körperliche Ebene berühren können. Die Berührung auf der Gefühlsebene, die alles einschließt, ist wohl die offenste, kann aber auch die schmerzvollste sein. In der Heilung ist das die Tür, durch die man gehen muss, die Grenze, die man überschreitet, aber auch die Komfortzone, die man verlassen muss. Wenn hier das Spiel offen bleibt, eröffnen sich Dimensionen der Heilung. Alle drei Ebenen werden ausbalanciert. Wobei die sinnliche Berührung das verbindende Element zwischen der verbalen und der sexuellen Dimension darstellt. Es fungiert wie ein Transmitter oder Mediator zwischen den beiden Instanzen.

Aus allen lebenswichtigen Triebfedern, dazu gehören auch die sozialen Motive, entwickelt man sein emotionales Verhalten, die für sexuelle Bindungen oder Beziehungen so bedeutsam sind. In den vergangenen 100 Jahren sind mit der Blüte der Psychoanalyse etliche bekannte Persönlichkeits- und Entwicklungsmodelle entstanden, wie zum Beispiel das bekannte BIG Five oder DISG, neuerdings sogar sexuelles Coaching, die sich unter anderem auf das von Freud bekannte Drei-Instanzen-Modell gründen. Sich selbst besser zu verstehen, aber auch zwischenmenschliche Unterschiede wahrzunehmen und zu erkennen, sollen helfen, unsere Empathie weiterzuentwickeln und zu stärken. Hat man aber nicht in der westlichen Kultur auch eines vergessen? Das individuelle Potenzial, auch in der Sexualität, ohne die Anreize des Erfolgskonzeptes, ohne äußere Umstände oder Anreize. Hat man nicht in den letzten Jahrzehnten das extrinsisch und materiell motivierte Verhalten gefördert und die sexuelle Heilung außen vor gelassen? Ist Geld nicht immer in den Hinterköpfen bei so vielen und kann der wirkliche Heilungsprozess dennoch stattfinden?

Der wirklich freie und zeitlich nicht vom Geld abhängige Raum fehlt. Und trotzdem: Sexuelle Heilung erfolgt nur durch eine innere Stimme, die gehört werden will und die eine innere Haltung verändert. Diese Stimme ist heilend. Denn sexuelle Heilung ist keine Endstufe, sondern durchaus ein lebenslanger, lebendiger, immer wiederkehrender Prozess, mit Höhen und Tiefen, die ausgeglichen werden müssen. Wirkliche sexuelle Heilung gelingt nur durch veränderbare Sichtweise, die überwiegend von der eigenen inneren Stimme geleitet wird. Sie gelingt durch tiefe Berührung, die etwas in der Tiefe bewegt und offen bleibt, auch zwischen Mann und Frau.

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