Sexualität zwischen Mann und Frau

„Am Anfang war das Feuer“ von J.H. Rosny Ainé steht wie eine Metapher für das ursprünglichste Geheimnis, könnte man sagen. Was Feuer alles aussagt, mit uns und der Sexualität verbindet, ist nicht nur das Sichtbare oder ein Geheimnis. Nein, es ist vielmehr das Nicht-Sichtbare, Energetische, Elektrisierende, von Innen her Fühlbare. Das, was uns magisch anzieht oder abstößt. Charakteristisch steht Sexualität auch als Symbol für alles Entstehen und Zerstören, für Leidenschaft, Schmerz und Sterben. Und als Element bewegt es etwas, im Außen und Innen.

Sexualität beinhaltet allumfassende Fragen, die genauso dem Wandel der Zeit unterliegen, so wie der Mensch selbst. Von Anbeginn der Entwicklung, in jeder Kultur zu verschiedensten Zeiten und Epochen, gab es unterschiedliche Vorstellungen über die Sexualität an sich und zwischen Mann und Frau. Ob das Thema schon früh reflektiert wurde oder nicht, spielt dabei erst einmal keine Rolle. Zwischen beiden Geschlechtern herrschen aber nach wie vor die gleichen Phänomene, die unser Verlangen, unsere Bedürfnisse, Interaktionen und nicht zuletzt unsere gesamten Lebensäußerungen beeinflussen und widerspiegeln.

Geschichtlich betrachtet, hat beispielsweise Platon das Thema exemplarisch behandelt, wobei das Wort Eros für Sexualität stand. Eros war nicht nur Gott, Kraft, sondern stand für verschiedene Phänomene, die auf ein Prinzip zurückgeführt werden sollten. Uralte Modelle wie das Tantrische oder das Yin und Yang erklären einerseits das Männliche und Weibliche in seinen Gegensätzen und seinem Zusammenspiel und andererseits auch einen Zusammenhang oder eine höhere Einheit. In der Sexualität zwischen Mann und Frau durchzieht diese Theorie seit dem Symposium Platons bis heute auch die Vorstellung der Einswerdung, Vollkommenwerdung und Aufhebung der Dualitäten. Ja, wahrscheinlich begann sogar die Suche danach schon sehr früh in unserer menschlichen Geschichte. Das reduziert auf gewisse Weise das, was zwischen Mann und Frau unterschiedlich, gleich und manchmal unerklärlich erscheint, auf das Wesentliche und auf die immer wiederkehrende Frage nach neuen Möglichkeiten des Zusammenkommens auf allen Ebenen.

Wenn man heute ein Auge auf den Unterschied wirft, ist ein Mann weiterhin visuell konzentriert und berührt die Frau auf ein gewisses Ziel hin, während eine Frau eher haptisch reagiert und dabei der taktile Sinn vordergründig agiert. Sie ist eher flächig und ganzheitlich und im gewissen Maße sind auch die Reaktionen vielschichtiger. Die weibliche sexuelle Qualität ist langsam, während die des Mannes schnell ist. Frauen brauchen mindestens eine Kurzbeziehung, um Sex haben zu können. Hingegen empfindet der Mann „Sex ohne Geschlechtsverkehr“ als unvollständig. Er braucht keine Beziehung, um Sex zu haben. Für den Mann ist Sex Selbstzweck im Unterschied zur Frau, für die Sex Mittel zum Zweck ist. Männer bevorzugen daher Wiederholungen, Programme, Planung in ihren Aktionen. Frauen hingegen reagieren offen, spontaner und ohne Regeln in Bezug auf Sexualität. Sie wollen etwas Vollständiges, was über die Sexualität hinausgeht.

Die sogenannten Unterschiede bringen bei beiden Geschlechtern verschiedene Reaktionen und Bedürfnisse hervor, die nicht nur philosophisch und ökonomisch immer mal wieder diskutiert werden müssen. Ökonomisch steht die Gleichstellung der Geschlechter vor neuen Herausforderungen. Gender sagt: “Es gibt kein biologisches, sondern nur ein soziokulturell definiertes Geschlecht.“ Fakt ist, dass eine Gleichstellung doch heute nur der maximalen Nutzung der Arbeitsressourcen dient. Würde eine Gleichstellung demnach nicht auch wesentliche Punkte in der Sexualität des Mann-Seins und Frau-Seins als Teil der Identität herausfordern? Schließlich wächst auch die Identität, biographisch gesehen, nur unvollständig ohne die Beziehung zum Anderen. Nähe, Geborgenheit, der Austausch von Zärtlichkeit wachsen im zunehmenden Alter und spielen heute mehr denn je eine größere Rolle, obwohl es durch die zunehmende Belastung in der Arbeitswelt keinen ausreichenden Schutzraum für das Leib-Seele-Verhältnis mehr gibt. Der intime Schutzraum für Mann und Frau geht langsam, aber stetig verloren. Männer haben immer noch ein Verdrängungsproblem. Sie funktionieren perfekt, angepasst und haben keinen eigenen Plan mehr. Frauen haben sich in die Arbeitswelt hinein bewegt. Und trotzdem gibt es einen konservativen Rücklauf.

Wenn die Sexualität in unserer Gesellschaft auch von dieser intimen Seite her beleuchtet wird, sieht man in der gesellschaftlichen Mehrheit klare Defizite im sexuellen Fluss aber auch im Energiefluss zwischen Mann und Frau. Folgendes Modell, in dem tantrische und taoistische Elemente zusammenfließen, verdeutlicht uns dies genau. Es geht hier um einen geschlossenen Energiekreislauf zwischen Mann und Frau. Beispielsweise kann der Energiestrom im Herzchakra der Frau (Yang) beginnen, das in diesem Modell der gebende Teil ist. Von hier fließt die Energie zum Herzchakra des Mannes (Yin), zu dessen empfangenden Teil. Von dort fällt die Energie in das männliche Sexualchakra (Yang), um wieder zur Frau in deren Sexualchakra (Yin) zurückzufließen. Von hier aus steigt dann die Energie wieder nach oben zum weiblichen Herzchakra: Der Energiekreislauf ist geschlossen. Oftmals, und das ist Realität, kommt es zu Störungen in diesem Kreislauf. Sogar können wir evolutionspsychologisch die meisten Störungen immer im Yin-Teil bei Frau und Mann feststellen. Gleich, ob wir uns dies mit dem tantrischen, taoistischen, Chakren-Modell, oder Yin und Yang Modell veranschaulichen: Bei Blockierungen gibt es Probleme an den jeweiligen Stellen. Zum Beispiel sind Yin-Stellen empfindlicher. Yang herrscht dann im Übermaß.

Im Modell „Mann und Frau“, vereinfacht ausgedrückt, muss immer eine Balance zwischen Geben und Empfangen hergestellt werden. Wenn aber die Frau nichts zu empfangen hat, weil der Sender fehlt, ist es schlecht für den sexuellen Fluss und damit auch für den gesamten Energiefluss. Die Frau braucht nach wie vor Aufmerksamkeit und der Mann braucht Anerkennung, damit er geben kann. Wenn das Feuer zwischen Mann und Frau weiterhin fließen soll, braucht es einen neuen Raum des Erfahrens und Erlebens.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s