Harmonie als Sinngebung

Banalitäten werden hochgeschaukelt und wahre Probleme zerredet. Manche bleiben sogar unantastbar. In der Kunst wird neu inszeniert, was geht, alles laut, extrem mit kleinem, kontrastreichem Bühnenbild. In der Musik wie im Film wird bis ins Letzte übertrieben und die Kontraste so sehr miteinander vermischt, dass man den Inhalt nicht mehr versteht. Große Gefühle sind bedeutend, doch werden sie so gekünstelt dargestellt, dass man zweifelt, ob es sie noch gibt. Welche Plattform dafür gibt es noch nicht? Willkommen im Zeitalter der „maingestreamten“ Selbstinszenierung. Was bewegt uns eigentlich dazu? Was nach Außen scheinbar befriedigt, ist nur der starke Wunsch nach Harmonie.

In unserer Kultur braucht es anscheinend krasse Gegensätze, um sich zu positionieren, einen Platz zu finden. Um herauszufinden, wo man hingehört, wer man sein will oder wer man ist. Sich eine Meinung zu bilden ist wichtiger, als eine Haltung zu haben. Gegensätze sind da und Widersprüche dort, damit Unterschiede deutlich werden. Audivisuelle Sinneseindrücke überschwemmen unsere natürlichen Bedürfnisse, so dass unser Gehirn das harmonische Spiel zwischen Sympathikus und Parasympathikus nicht mehr leisten kann. Aus der harmonischen Dialektik zwischen Spannung und Entspannung ist bei vielen ein unterschwelliger „Triggerpunkt“ entstanden, der sich nicht mehr wegmassieren lässt.

Nach der sogenannten Selbstbestimmungstheorie (SDT) von Richard M. Ryan und Edward L. Deci  sind Kompetenz, soziale Eingebundenheit und Autonomie die grundlegendsten psychologischen Bedürfnisse, die befriedigt werden sollten und mit denen man seine Beweggründe für sein Verhalten selbst reguliert, auch in Bezug  auf eine bessere Qualität und Harmonie in seinem Leben. Werden diese wesentlichen drei Bedürfnisse unzureichend befriedigt, macht sich früher oder längerfristig Frustration breit, die von Ersatzbedürfnissen bis zur völligen Antriebslosigkeit reicht. Unsere Handlungen spiegeln unsere Vitalität wider.

Wir sind Experten auf dem Gebiet der Stabilität, Produktion, Innovation, des Wissens, der Logistik, Vermarktung geworden. Zahlen über die steigenden Exportüberschüsse belegen das genau, und selbst spüren wir ja auch den wachsenden Wohlstand. Alles im Geiste der globalen Handelsordnung und der EU. Die Folgen tragen wir mit unserem Gewissen. Wer und wie viel davon, sieht man tagtäglich in den Medien oder man muss nur einfach vor die Tür, auf Distanz gehen, sich ein Bild von der Arbeits- und Konsumwelt machen. Wenn man nicht schon mittendrin ist, kommt man doch nicht so leicht vom Wunschdenken los. Jeder wünscht sich Frieden, Ganzheit, Einheit, am meisten jedoch in seinen eigenen Beziehungen, in seiner Familie. Doch weil bei uns die Gegensätze immer dominanter werden, ist Harmonie ein neues sinngebendes Fenster unserer Gesellschaftsordnung geworden, Tendenz steigend. Hauptursache für Disharmonie ist der Glaube an ständiges wirtschaftliches Wachstum und Profitmaximierung. Ja, was geht mich das an?

Weil Selbstoptimierung ein weiteres Indiz dafür ist, dass sich jeder, den es etwas angeht, wie ein Unternehmen begreift. Wird einem das nicht zum Verhängnis? Die Menschen, die bequem sein wollen und nicht selbstbestimmt, für die ist der Mainstream ja willkommen. Doch wer Mainstream leben möchte, verzichtet damit auf seine eigene Selbstverwirklichung. Es ist für die meisten sicher, in der Masse mitzuschwimmen, obwohl diese Sicherheit – vor allem eine subjektive Empfindung – so nicht empfunden wird. Diese Sicherheit der wirtschaftlichen Existenz schafft paradoxerweise nicht nur Existenzängste, sondern vermindert auch jegliches „Risiko“, auf individuelle Weise glücklich zu werden. Ein weiteres Indiz für Disharmonie, vielleicht sogar als Ursache für Globalisierung, ist die Verschiebung des Verhältnisses von Mensch und Geld. In unserem System, das sich zwanghaft erhalten muss, erfüllt der Mensch einen bestimmten Zweck, einen, welcher der heiligen Kuh des wirtschaftlichen Wachstums untergeordnet ist. Nun gut, Hoffnung gibt es dennoch, wenn es um Harmonie im Einzelnen geht.

Ein Mensch, der Harmonie in sich trägt, wirkt positiv auf seine Mitmenschen. Er trägt zu mehr Harmonie in der Welt bei, weil er „geistige und materielle Verschmutzung“ verabscheut und sich dagegen einsetzt. Er fühlt aber auch Störungen anderer leichter durch seine Menschenkenntnis und vor allem die Fähigkeit, sich in Andere hineinzuspüren. Besonders pflegt er harmonische Beziehungen, sei es in seinem eigenen persönlichen Umfeld oder auch als Therapeut, Arzt, Coach oder in anderen Berufen, die mit Menschen arbeiten. Diese Harmonie, die förmlich von innen her atmosphärisch, esoterisch schwingt, hat nichts mit Eigennutz zu tun, sondern folgt dem Prinzip des geistigen Wachstums, aus dem heraus Eigenverantwortung wächst. Das ist übrigens auch ein natürliches Prinzip, in dem sich, so wie das Prinzip von Yin und Yang, welches sich selbst reguliert, auch Körper und Geist regulieren können. Nichts ist über- oder untergeordnet, sondern im Gleichklang. Beide Prinzipien mit ihren unterschiedlichen Energien sind in jedem von uns und müssen ständig aufs Neue synergetisch wirken. Dafür trägt jeder selbst Verantwortung.

Jemand, der Yoga treibt oder meditiert, will natürliche Harmonie in sich verwirklichen. Ein disharmonischer Mensch hingegen denkt zu viel. Jemand der zu viel quatscht, ist genauso extrem und im Ungleichgewicht wie jemand, der viel oder nur schweigt. Jeder hat Extreme in sich, die ausgeglichen werden müssen. Wenn wir uns täglich bewusst darin üben, werden wir auch wirkliche Harmonie erzeugen und das vermeintliche Gegensätzliche zu einer sinngebenden Harmonie zusammenführen können.

Im Mainstream oder  im gesellschaftlichen Konsens herrscht eine „falsche Harmonie“, die künstlich oder absichtlich erzeugt wird, die sich geschichtlich oder wirtschaftlich immer mal wieder ändert. Was vor 50  Jahren war, gilt heute nicht mehr. Die Harmonie steht dem Konsens immer gegenüber und herrscht nur, wenn alle Elemente in einem System ausbalanciert sind, in gleiche Verteilung, gleiche Maße und Proportionen. Die natürliche Harmonie versteht sich demnach als ein kosmisches oder universelles Prinzip. In der Differenz zwischen Konsens und natürlicher Harmonie erkennt man auch die Werte, die von vorn herein universell vorgegeben sind, um Gesetze zu erkennen. „Erkenne dich selbst“ sagten schon die antiken Stoiker. „Glück ist nach seiner eigenen Natur gemäß zu leben“. Dazu muss man wissen, wer man ist. Und wäre das nicht eine sinngebende Harmonie für Alle?

 

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