Erkenntnis und sinnliche Berührung

Die Abgrenzung von Innen und Außen, Immunabwehr- und Stoffwechsel, Schutz und Repräsentation, Wahrnehmung, Homöostase und viele andere Anpassungsmechanismen werden durch unser vielseitigstes Organ – die Haut, stark gefordert. Die Haut steht unmittelbar mit der Dimension der sinnlichen Berührung in Verbindung. Im Einzelnen handelt es sich um die funktionelle, philosophische, politische und die existentielle Dimension.

Der taktile Sinn, als der intimste Sinn von allen, aber auch in erster Linie das Instrument für die Erfassung der Wirklichkeit, nämlich das Sinnliche zu erfassen, ist auch am direktesten mit der eigenen Emotion und Persönlichkeit verbunden. Um in den Genuss sinnlicher Berührung zu kommen, bedarf es eigentlich nur zwei wesentlicher Aspekte. Einmal ein offenes Selbst und ein offenes Gegenüber, die sich gegenseitig zuwenden. Dabei ist das Empfinden selbst die Vorbedingung, die bei der Wahrnehmung eine Rolle spielt. Empfindung wird zur Wahrnehmung. Neben der Grundbedingung der Rezeptivität ist beim Menschen besonders, dass alle sinnliche Wahrnehmung gezielt und bewusst eingesetzt werden kann. Sinnlichkeit entsteht erst dann. Männer und Frauen können mit dieser Fähigkeit sinnliche Berührung erleben, als eine energiegebende, sich vom Ich lösende und Erkenntnis bringende, einzigartige Qualität. Durch sinnliche Berührung, das heißt durch aktiven und passiven Körperkontakt, wird überhaupt Sinnlichkeit erzeugt. Sinnlichkeit im Zusammenhang mit sinnlicher Berührung hat sich trotzdem zu der Nähe der realen Wirklichkeit drastisch verschoben. Stellen wir uns nur einmal vor, wir hätten viel mehr Zeit für Sinnlichkeit. Was würde mit uns geschehen?

Zum Beispiel bei tantrischer und überhaupt sinnlicher Berührung ist der Raum offen,  weil es eigentlich unendlich viele Sinneserlebnisse und Erfahrungen gibt. Alles ist möglich. Manchen macht es sogar erst einmal Angst, weil es etwas Unbekanntes ist. Man kann sich zunächst nicht an Sicherheiten oder Worte klammern.  Hier wirkt sinnliche Berührung transzendent. Ob uns diese Berührungsart in unserer jetzigen gewinnorientierten Produktionswelt einen höheren Stellenwert beschert, lässt sich nur individuell feststellen oder im Einzelnen erkennen. Derzeit ist die sinnliche Berührung jedenfalls abhängig von der Suggestibilität der Menschen. Und die wiederum ist gegenüber der Sinnlichkeit momentan sehr empfindlich. Wirkliche Sinnlichkeit liegt im Wenigen, Konkreten, ist sich selbst genug und umfasst ein immanentes Strukturelement, nämlich das Sein.

Sinnliche Berührung enthält die Qualität der Individualität, Worte nicht.  Die verbale Sprache ist etwas Allgemeines, weil jedes Wort schon kollektiv vorgeprägt ist. In Worthülsen und in Begriffen eine Sinnlichkeit auszudrücken oder eine Individualität, ist nicht möglich. Bei verbaler Berührung ist der Raum begrenzt und gleichzeitig standardisiert, genormt, musterhaft, vorgeformt. Die Worte, die man benutzt, sind niemals die eigenen. Was mit der sinnlichen Berührung kommuniziert wird, ist immer etwas Individuelles. Die Tiefe der sinnlichen Berührung zeigt sich in einer unkonventionellen Form. Sie vermag Muster und Verfestigungen aufzubrechen, sogar bis tief in die Matrix vorzudringen. Immer mehr Menschen können keine  berührungsinnliche Erfahrung zulassen oder bisher nur teilweise. Sie haben ein Berührungsdefizit. Intellektuelle haben ihre Sicherheit im Kopf. In diesem Sinn ist sinnliche Berührung schon fast etwas Anarchisches, weil es diese Sicherheitsstruktur aufbricht. Das Anarchische hat keine Ideologie. Es kommt ohne Machtstruktur aus.

Das Bild von John Lennon und Yoko Ono im Bett lässt uns teilhaben an einer Welt, die von jeglicher produktionsorientierten, verstandesgeprägten und moralisch-ethisch vorgesetzten Gesellschaftsstruktur abgewandt ist. Das Anarchische wird uns dabei geradezu versinnbildlicht. Und überhaupt, die sinnliche Berührung ist der permanente Widerspruch zur visuellen und konsumorientierten Dominanz in unserer Gesellschaft. Es scheint, als herrsche eine deformierte, produktionsorientierte Sinnlichkeit, die näher am Verstand orientiert ist. Wir nehmen immer mehr und mehr auf, in der Art einer Selbstbefriedigung. Doch Berühren ist vor allem ein Geben im Dialog. Nicht eine Behebung eines subjektiven Mangels. Sinnliche Berührung ist die individuellste Hingabe, die ursprünglichste, weil es die am wenigsten genormte ist. Sie hat einen unproduktiven Stellenwert und entzieht sich somit diesem Zwang des gesellschaftlichen Nutzens oder des Dauerkonsums. „Bed-Ins“ könnten sogar ein Einstieg für eine sinnlichere Welt sein.

Wir befinden uns in einer zweigeteilten Welt; einer vom Verstand geprägten Sprachwelt und einer von Sinnen geleiteten Berührungswelt. Je mehr wir uns in dieser Berührungswelt einlassen können, wirkt eine ehrliche, aufrichtige, authentische, individuelle Kraft in uns selbst. Und ist sinnliche Berührung nicht immer ein zwangloses Geben im Hier und Jetzt? Der sinnliche Körperkontakt hat auch etwas Emanzipatives, wenn das Sinnliche und die Berührung im Kontext stehen. Wenn Mann und Frau sich sinnlich vereinen, kommt der gierige Geist zur Ruhe. Er folgt dann dem natürlichen Prinzip, zu erkennen, was sich hinter dem Sichtbaren verbirgt. Eine Erkenntnis, die nach einer inneren Bestimmung sucht, nach Sinn.

 

 

 

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